Streifzug durch die
Geschichte



Das antike Griechenland erzeugt aus der heutigen Sicht immer wieder größte Achtung vor den philosophischen und politischen Erkenntnissen und der architektonischen Reife der damaligen Zeit. Besichtigt man die Ruinen der Villen und Paläste der Minoer auf Kreta, so erhält man einen faszinierenden Eindruck von dieser blühenden Hochkultur und ihren Fertigkeiten aus der Bronzezeit. Diese Epoche umfasst in Europa etwa den Zeitraum von 2200 v. Chr. bis 1200 v. Chr.
Reist man in den Nahen Osten, so kann man das Rad der Zeit noch einmal um 7.000 Jahre zurückdrehen!
Funde unter anderem aus Aqaba am Roten Meer, aus Wadi Rum, der eindrucksvollen Wüstenlandschaft im Süden Jordaniens, und aus Azraq, im Norden des heutigen Staatsgebietes, erzählen die Geschichte der Menschen der Altsteinzeit (Paläolithikum), die aus Ostafrika als Jäger und Sammler in das Gebiet des heutigen Nahen Ostens kamen.
„Auch wenn sich im Mesolithikum eine sesshafte Lebensweise bereits abzeichnet, muss das, was sich im Raum des Fruchtbaren Halbmondes im 9. und 8. Jahrtausend v. Chr. vollzieht, im vollen Wortsinn als neolithische Revolution bezeichnet werden, als der entscheidende zivilisatorische Aufbruch.“ (Dumont, S. 29).
Auch der Louvre, dieses unerschöpfliche, prachtvolle Museum in Paris, zeigt einen winzigen Ausschnitt der Geschichte jener Zeit. Dort, wo sich bei unserem Besuch 2012 keine Menschenseele befand (im Gegensatz zu den Räumen der Mona Lisa oder der Venus von Milo - alle umlagert von fotografierwütigen, eiligen Reisegruppen), dort also, etwas abgelegen, entdeckten wir auf der Suche nach der Meschastele eines der faszinierendsten Exponate. Es ist ca. 9.000 Jahre alt und damit das älteste Ausstellungsstück des Louvre!



Die Figur gehört zu einer Gruppe, die 1985 in Aïn Ghazal („Gazellenquelle" - ein im 8. Jahrtausend v. Chr. gegründeter Ort) entdeckt wurde. Die Restaurierung der Statuen dauerte 11 Jahre lang; diese eine wurde dem Louvre für die Dauer von 30 Jahren zur Verfügung gestellt. Den unschätzbaren Wert kann man ermessen, wenn man liest, dass sich das Museum im Gegenzug dazu verpflichtete, sich an der Restaurierung eines Heiligtums in Jerash (in Nordjordanien) zu beteiligen.
Auch aus der frühen Jungsteinzeit (Neolithikum) gibt es eindrucksvolle Hinweise auf den Übergang vom Nomadentum zur Sesshaftigkeit in der Region. Dies bezeugen insbesondere Funde aus der Steinsiedlung von Ba’ja (Nähe Petra) aus dem frühen 7. Jahrtausend v. Chr. sowie Höhlenzeichnungen aus dem Osten des Landes. Behausungen in der Nähe des Sees Genezareth (Israel), nördlich des heutigen Staatsgebietes von Jordanien, zeugen ebenfalls von der Entwicklung einer sesshaften Kultur, ermöglicht neben der Haltung von Schaf- und Ziegenherden auch durch den Anbau von Getreide als Nahrungsquelle.
Die Folge war die Entwicklung von großen Dörfern und Städten mit Steinbefestigungen und Wehranlagen, wie die außerordentliche Stadtentwicklung von Jericho, der Stadt im heutigen Westjordanland, die als die älteste der Welt gilt.
Ab der Bronzezeit (im Nahen Osten ca. 3000 v. Chr.) zogen verstärkt auch Menschen anderer Völker in das Gebiet Jordaniens und Palästinas. Es entwickelte sich regional eine urbane Kultur (Amman, Irbid, Pella u. a.). Seit ca. 1500 v. Chr., der Spätbronzezeit, lassen sich auch Handelsverbindungen bis nach Griechenland und Zypern nachweisen, bedingt auch durch die wirtschaftliche Kraft der benachbarten Großmacht Ägypten.
In den Bibelstellen des Alten Testaments findet man genaue Orts- und Zeitangaben für Ereignisse, die sich allerdings auch widersprechen, was die Zugrundelegung des Alten Testaments als historische Quelle im Wortsinn fragwürdig macht. Einige Zitate über den Auszug der Israeliten aus Ägypten lassen sich jedoch durchaus nachvollziehen. Man datiert diese Schilderungen in die eisenzeitliche Epoche (ab dem 9./8. Jahrhundert v. Chr.).
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das „Land jenseits des Jordans" (aus der Sicht der Heiligen Stadt Jerusalem), das heutige Staatsgebiet Jordaniens, zwar beeindruckende Zeugnisse über die Sesshaftwerdung der Menschen ablegt, bis dahin jedoch nie ein Machtzentrum war, sondern Grenzland, unsicher, arm an Ackerland, Durchzugsgebiet von Stämmen und Völkern, Ort kriegerischer Auseinandersetzungen, „nützliche Pufferzone gegen die unberechenbaren beduinischen Kräfte.“ (Dumont, S. 45).
Auch für Alexander den Großen hatte der Landstrich keine große Bedeutung. Auf seinen Eroberungszügen überschritt er niemals den Jordan. Obwohl sich die Ausbreitung griechischer Kultur schon im 5. und 4. Jahrhundert v. Chr. nachweisen lässt, hat eine tiefgreifende Hellenisierung des gesamten Landes nicht stattgefunden. Lediglich in regionalen Zentren im Nordwesten Jordaniens, wie in Pella, wurde griechische Lebensauffassung gelebt.
Diese begrenzte Ausbreitung griechischer Kultur kann regional auch mit der zeitgleichen Expansion anderer Völker, wie den Nabatäern, in den südlichen Landesteilen zu tun haben. Ausschlagend war jedoch der Wasserreichtum des Nordwestens, im Gegensatz zu den Wüsten des Ostens und Südens. Diese Zweiteilung setzte sich auch in den folgenden Jahrhunderten fort.
Die Epoche der römischen Herrschaft (63 v. Chr. bis 636 n. Chr.) ist wie auch in anderen Teilen des Reiches gekennzeichnet von Machtübernahme, –erhalt und –expansion. Im fruchtbaren Nordwesten des heutigen Jordanien und in Syrien gründete Pompeius einen Städtebund mit kommunaler Selbstverwaltung, die Dekapolis. Ihm gehörten unter anderem Gerasa (heute Jerash), Philadelphia (heute Amman) und Gadara (heute Umm Qeis) an.
Rom baute seine Macht aus durch die Weiterentwicklung des griechisch orientierten Nordens und die Schutzherrschaft über die Dynastien in den südlichen Gebieten und deren Assimilation. „Das arabische Volk der Nabatäer (...) zeigte sich kommerziell so engagiert in der griechisch-römischen Welt, dass es auch politisch und kulturell gebunden werden konnte.“ (Dumont, S. 69). Tatsächlich gibt es keine Hinweise auf kriegerische Auseinandersetzungen zwischen Rom und Petra.
Mit dem Niedergang der römischen Herrschaft und durch das immer stärkere Vordringen der Araber seit dem 7. Jahrhundert vollzog sich ein historischer Wandel.
Waren in der Antike griechisch-römisch und später zugleich christlich geprägte Philosophien und Herrschaftsansprüche dominierend, konnten während des sogenannten Arabersturms auch durch Bollwerke in den Grenzräumen diese Prinzipien nicht mehr aufrecht erhalten werden.
Damit einhergehend und zeitgleich mit dem Wirken des Religionsstifters Mohammed Anfang des 7. Jahrhunderts begann die Islamisierung der Region. Der Islam knüpft an das Judentum und das Christentum an, „integriert dabei aber auch altarabische Traditionen“ (Dumont, S. 69), wie die Pilgerfahrt nach Mekka. Doch Mohammeds Handeln war in den damaligen Herrschaftskreisen Mekkas nicht unumstritten. Nach seiner Übersiedlung nach Medina wurde er nicht nur als Prophet verehrt, sondern war auch als Realpolitiker tätig.
Mitte des 8. Jahrhunderts wurde die Herrschaft der ersten arabischen Erobererdynastie, der Omayyaden, abgelöst durch die einflussreichen Abbasiden, deren Hauptstadt die damals kosmopolitische Metropole Bagdad war.
Die erfolgreiche Ausbreitung islamischer Kultur und Religion beantwortete das christliche Europa im 11. Jahrhundert mit dem Beginn der Kreuzzüge.


„Jerusalem in christlicher Hand!“
Ausgehend von der durch arabische Eroberungen sich immer schwieriger gestaltenden Wallfahrt in die heilige Stadt Jerusalem und der von Urban II auf der Synode von Clermont 1095 ausgerufenen Losung „Gott will es!“ waren die daraus folgenden Kreuzzüge Ausdruck nicht nur einer religiösen Verinnerlichung; sie fanden auch vor einem profanen politischen und wirtschaftlichen Hintergrund statt. Auch Hungersnöte und Seuchen des feudalistischen Europa mögen Triebfedern gewesen sein.
Relikte der Kreuzzüge in Jordanien kann man noch heute besichtigen: die Kreuzfahrerburgen mit ihrer teilweise sehr grausamen Geschichte, z. B. die von Kerak oder Shobak, erstere im Jahr 1142 gegründet von Payen le Bouteiller.
Die Eroberungen der Kreuzfahrer in Oultrejourdain ("Jenseits des Jordans") währten jedoch nicht lange. Beispielsweise wurde die Burg von Kerak schon 1184 von den Truppen Saladins eingenommen, der 1187 auch Jerusalem bezwang. Die Kreuzritterherrschaft über den strategisch wichtigen Punkt von Kerak währte gerade einmal 42 Jahre lang.
Zwischen dem 13. und 20. Jahrhundert herrschten zunächst ägyptische Mamluken (bis 1516) und später vier Jahrhunderte lang die Osmanen, die die Region des heutigen Jordanien als Bollwerk gegen mongolische Vorstöße nutzten, was zu einer drastischen Entvölkerung des Landstrichs beitrug.
Das Gebiet war nur noch eine Randnotiz im politischen Geschehen, geprägt von Armut und Seuchen. Nur im Norden (Ajlun und Salt) sowie in Shobak und Kerak gab es größere Siedlungen. Es waren Nomadenstämme, die zu der Zeit das Leben im heutigen Jordanien prägten.
Erst viel später, durch osmanische Siege in Eurasien im 19. Jahrhundert, folgte die Zwangsansiedlung von Tscherkessen, einem kaukasischen Volk, als „Wehrbauern“, insbesondere in der Region um Amman und Zarqa, den beiden größten Städten Jordaniens. Tscherkessen machen auch heute noch die stärkste ethnische Minderheit der Bevölkerung Jordaniens aus.


Der Erste Weltkrieg (und sein Held)
Ist man auf der Zeitreise im 20. Jahrhundert angekommen, erlebt man eine drastische Änderung durch die Geschehnisse des Ersten Weltkriegs, mit einer zentralen Figur: dem Archäologen und britischen Agenten T.E. Lawrence („Lawrence von Arabien").
„Als englischer Stabsoffizier organisierte er (…) während des Ersten Weltkrieges den von England geschürten Araberaufstand gegen die Türken (...). Er einte die vielen Stämme und machte sie fähig, das Jahrhunderte unmöglich Erscheinende zu unternehmen: die Türken aus dem riesigen Gebiet von Mekka bis Damaskus zu vertreiben.“ (aus dem Klappentext des Epos von T. E. Lawrence: Die sieben Säulen der Weisheit - seiner Schilderung eben dieser Kriegserlebnisse).
„Es war ein arabischer Krieg, geführt und gelenkt von Arabern für ein arabisches Ziel in Arabien (…) Wir alle waren überwältigt wegen der Weite des Landes, des Geschmacks des Windes, des Sonnenlichts und der Hoffnungen, für die wir arbeiteten. Wir waren aufgewühlt von Ideen, die nicht auszudrücken und die nebulös waren, aber für die gekämpft werden sollte (…) doch als wir siegten und die neue Welt dämmerte, da kamen wieder die alten Männer und nahmen unseren Sieg, um ihn der früheren Welt anzupassen, die sie kannten. (…) Wir dachten, wir hätten für einen neuen Himmel und für eine neue Welt gearbeitet, und sie dankten uns freundlich und machten ihren Frieden.“ (Lawrence, Anhang, S. 843 f)


Im Zentrum der Nahost-Konflikte
1923 wurde unter britischer Mandatsverwaltung das Emirat Transjordanien errichtet. Emir wurde der Haschemit Abdullah. Sein Bruder Faisal wurde König des Irak.
1928 verabschiedete man eine erste Verfassung. Unabhängiges Königreich wurde Transjordanien jedoch erst 1946, mit König Abdullah als Monarch. Seit 1950 lautet die offizielle Bezeichnung Haschemitisches Königreich Jordanien. 1951 wurde König Abdullah beim Betreten der Al-Aqsa-Moschee in Jerusalem erschossen. Nach seinem gewaltsamen Tod und der nur einjährigen Staatsführung seines Sohnes Talal bestieg dessen Sohn Hussein 1953 erst siebzehnjährig den Thron. Seine Regentschaft sollte fast ein halbes Jahrhundert lang währen.
Im Sechstagekrieg 1967, als es unter anderem um den Zugang zu den wichtigsten Wasserreservoirs des Nahen Osten ging, wurde das bis dahin Jordanien zugehörige Westjordanland mit seinem Grundwasserspeicher israelisch besetzt. Eine palästinensische Flüchtlingswelle nach Jordanien begann. 1974 verzichtete König Hussein auf die Westbank zugunsten der Palästinenser.
Aus dem Spiegel vom 28. September 1970 erfährt man, dass „Husseins Jordanien brennt", belegt durch Fotos der blutenden Hauptstadt Amman.
Im Nelles-Reiseführer von 1997 werden diese Ereignisse dramatisch beschrieben (S. 50/51): „Die Spannungen explodierten im ‚Schwarzen September’ des Jahres 1970. Am 1. September entging König Hussein einem Anschlag, dem sechsten Mordversuch seiner Regierungszeit. Zwischen dem 6. und 10. September entführten Guerillas fünf Linienflugzeuge. Drei davon wurden zur Landung in Zarqa im Norden Jordaniens gezwungen (…) König Hussein duldete solche Aktionen nicht und mobilisierte seine Armee (…) Damit begann ein zehntägiger Bürgerkrieg, in dem Syrien mit 800 Panzern zugunsten der PLO intervenierte. Die blutigen Auseinandersetzungen endeten am 27. September mit einem Waffenstillstand zwischen Hussein und Yassir Arafat in Kairo.“
Die Gründe für diesen Bürgerkrieg lagen insbesondere in der Auseinandersetzung mit der PLO, die als starke Macht in den Flüchtlingslagern die Monarchie bedrohte. Bis zu 20.000 Menschen sollen damals umgekommen sein.
Der Staat Jordanien hat diese blutige Zeit überstanden, trotz der düsteren Prophezeiung in der o. e. Ausgabe des Spiegels (S. 126): „Dass er (der König) militärisch siegt, ist wohl noch möglich (…). Sein Volk wird er nach dem Blutbad der letzten Wochen kaum mehr einen können. Jordanien als Staat dürfte Historie sein, Palästina bleibt der Welt zur Lösung.“
Der Staat ist damals nicht untergegangen, sicherlich auch aufgrund der persönlichen Durchsetzungskraft und Zähigkeit des Staatsoberhauptes: „Er überlebte alle Versuche, ihn zu stürzen, zu vergiften, zu erschießen, sein Flugzeug zum Absturz zu bringen, ihn in die Luft zu sprengen oder mittels vorgetäuschter Medikamente zu verätzen.“ (Spiegel vom 28.09.1970, S.126)
Nach dem krankheitsbedingten Tod König Husseins im Jahr 1999, bestieg sein Sohn, Abdullah II, den Thron.


Die Staatsform Jordaniens - eine konstitutionelle Monarchie
Im Gegensatz zu einer parlamentarischen Monarchie, wie der von Spanien oder Schweden, ist bei einer konstitutionellen Monarchie der Monarch – trotz Verfassungsgebundenheit - in der Regel mit einer größeren Machtfülle ausgestattet.
1952 wurde in Jordanien aufgrund einer neuen Verfassung ein Parlament mit einer legislativen Rolle eingeführt. Es setzt sich aus dem Senat (die vom König ernannten Mitglieder dürfen nicht mehr als die Hälfte der Sitze des Parlamentes einnahmen) und dem Unterhaus (die Mitglieder werden gewählt) zusammen.
Das Unterhaus bestand nach den Wahlen im Jahr 2007 aus 110 Abgeordneten. 6 davon zählten zur IAF (Islamic Action Front), der zu dem Zeitpunkt größten Partei im Land. Eine Parteienlandschaft, wie z.B. in Deutschland, gibt es jedoch nicht. Häufig stehen Stammes- oder Großfamilieninteressen im Vordergrund.
Es gibt eine Quotenregelung für Frauen und Minderheiten (Christen und Tscherkessen). Gewerkschaften sind politisch aktiv. Die Presselandschaft wird als frei und das Internet als unzensiert charakterisiert.
Im November 2009 hat König Abdullah das gewählte Unterhaus aufgelöst. Interims-Regierungschef wurde Ministerpräsident Samir Rifai. Beobachter der Friedrich-Ebert-Stiftung nennen in ihrer Veröffentlichung „Wechsel ohne politischen Wandel?" Gründe, die zur Auflösung geführt haben mögen: „Mit der Auflösung des Parlamentes am 24. November 2009 und der faktischen Absetzung der Regierung unter Premierminister Nader Dahabi am 9. Dezember hat der jordanische König Abdullah II. zum Ende des Jahres ein klares Zeichen für einen politischen, vor allem aber für einen wirtschafts- und finanzpolitischen Neuanfang des Landes gesetzt.“
Am 9. November 2010 wurde neu gewählt. Die Beteiligung war je nach Region unterschiedlich. In den Ballungszentren lag sie teilweise weit unter 40 %. Vielleicht hatte der Boykottaufruf der IAF, die in den Städten des Nordens mehr Anhänger (insbesondere palästinensischer Herkunft) hat, dazu geführt. In den südlichen, ländlichen Gebieten mit beduinischer, königsnaher Stammesgesellschaft betrug die Wahlbeteilung zum Teil über 80%. Im Unterschied zum Wahlausgang 2007 zogen viele neue Politiker in das Parlament ein. Nur 34 Sitze der insgesamt 120 entfallen auf Mitglieder des alten Unterhauses. Mitglieder der IAF sind aufgrund ihres Boykotts nicht vertreten.

Mit großem Interesse haben wir die Ereignisse in der arabischen Welt verfolgt. Die Proteste auf den Straßen von Tunis und Kairo schwappten in die angrenzenden Länder über. Auch in Jordanien wurde protestiert, jedoch galt der Ruf nicht der Umwälzung des politischen Systems, sondern der Absetzung der amtierenden Regierung und die Umsetzung von Reformen zur Schaffung von mehr sozialer Gerechtigkeit.
Die Verhältnisse in den Nachbarländern Jordaniens haben sich in den Jahren seit unserer Reise so rasant verändert, dass wir an dieser Stelle kein Update mehr geben können. Allerdings verfolgen wir die Ereignisse in den Medien mit der großen Hoffnung, dass Jordanien weiterhin als ein Garant von Stabilität in der Region bestehen bleibt.


Minderheiten
Das Staatsgebiet Jordaniens mit rund 90.000 qkm beherbergt heute 6,3 Millionen Einwohner (Stand 2010). 99% der Bevölkerung sind arabischer Herkunft. Ein großer Teil der Jordanier ist gleichzeitig beduinischen Ursprungs, stammt von den Nomandenstämmen ab, die über die Jahrhunderte in den Wüstenlandschaften des Nahen Ostens gelebt haben. Ein anderer Großteil der heutigen Bevölkerung besteht aus Palästinensern und deren Nachfahren. Insgesamt leben mehr als zwei Millionen anerkannter Flüchtlinge im Land. (Stand 2010)
Ethnische Minderheiten bilden Tscherkessen, Tschetschenen und Armenier. 92% der Bevölkerung sind sunnitische Moslems, 6% sind griechisch-orthodoxen Glaubens. Einige Drusen leben in der Nähe der syrischen Grenze.


Jordanien – Aufnahmeland für Millionen von Menschen auf der Flucht
Der Nahe Osten ist bis heute ein Pulverfass, das nur einen kleinen Funken braucht, um gewaltsame Auseinandersetzungen hervorzubringen und die dort lebenden Menschen in Angst und Schrecken zu versetzen. Die Probleme sind weiterhin ungelöst. In Jordanien leben nach wie vor hunderttausende Palästinenser, die während der kriegerischen Auseinandersetzungen in der Folge des UN-Planes zur Teilung Palästinas (in einen jüdischen und einen arabischen Teil) aus dem Jahr 1947 in Jordanien aufgenommen wurden. 300.000 Flüchtlinge folgten in den Wirren des Sechstagekrieges von 1967, in dem Jordanien das Westjordanland (Westbank) an Israel verlor. Jordanien ist der einzige arabische Staat, der der Mehrheit der palästinensischen Flüchtlinge seine Staatsbürgerschaft gewährt hat (außer den Flüchtlingen aus Gaza, das nie zum jordanischen Staatsgebiet gehörte).
Noch in Kurt Schröders Reiseführer-Ausgabe Jordanien und Libanon von 1956 wird die Einwohnerzahl Jordaniens mit 1,5 Millionen angegeben, in der Ausgabe zehn Jahre später heißt es (S. 96): „Jordanien leidet unter dem unglückseligen Konflikt mit Israel am meisten; die Anzahl der Flüchtlinge aus dem Nachbarland geht in viele Tausende, und es ist ein trauriger Anblick, die Emigranten in ihren Zeltlagerstätten bei Bethlehem, Amman und Jericho zu sehen (...); wenn also in kleinen Städten und Dörfern Kinder gelegentlich mit Steinen nach einem ausländischen Wagen werfen, so besagt das nichts, und es sollte sich deshalb kein Tourist Gedanken machen (...).“ (Bethlehem, Jericho und Ost-Jerusalem lagen zu dieser Zeit noch auf jordanischem Staatsgebiet.)
Unterbringung, Versorgung und Betreuung der Flüchtlinge aus den Nachbarländern stellen ein sehr großes wirtschaftliches und soziales Problem dar. Die Thematik wird auch in den folgenden Artikeln behandelt: "Stiller Exodus" aus dem Zweistromland (2007) und Zuwanderung und Migration in Jordanien (2009).
In den schon seit vielen Jahrzehnten existierenden zehn Camps im Norden Jordaniens leben fast 340.000 vorwiegend palästinensische Flüchtlinge, deren größte Probleme – trotz Hilfen der UNRWA (United Nations Relief and Works Agency for Palestine Refugees in the Near East) – Überbelegung, zu wenig Schulen, schlechte Gesundheitsversorgung, Arbeitslosigkeit und Armut sind.
Allein das Budget des UNHCR für Jordanien betrug im Jahr 2010 zur Bewältigung des Flüchtlingsproblems 63,5 Mio. USD, für 2015 wurden 404,4 Mio. USD bewilligt.
Aufgrund des Krieges in Syrien ist Jordanien erneut Ziel von mehr als einer halben Million Menschen auf der Flucht geworden, die zeitweise zu hunderttausenden in einem Camp nahe der syrischen Grenze leben. Auf der einfühlsamen Seite Humans of New York kommen auf der Reiseseite zu Jordanien einige von ihnen zu Wort.


Jordanien heute – eingebunden in wichtige Staatenbünde der Welt
Jordanien sieht sich in der heutigen Zeit mit vielen Problemen konfrontiert. Wie beschrieben sind mindestens zwei Millionen Einwohner Flüchtlinge. Viele kennen kein anderes Leben als das in den Flüchtlingscamps - gekennzeichnet durch das Elend der Armut.
Der größte Teil des Landes besteht aus Wüste. Wasserreservoires wurden drastisch dezimiert, teilweise auch kontaminiert. Der Klimawandel macht sich auch in diesem Land bemerkbar. Hitze, Sand- und Staubstürme, Trockenheit und Wasserknappheit, beeinträchtigen das Leben. Nur ein Bruchteil des Landes ist für den Ackerbau geeignet. Daher ist Jordanien auf den Import von Nahrungsmitteln angewiesen.
Das Land hat keinen Zugang zum Mittelmeer, z.B. als Verkehrsweg für den Handel mit Europa, und sein Küstenstreifen am Roten Meer beträgt gerade einmal 27 Kilometer.
Erneuerbare Energieressourcen sind bislang (2010) nicht so entwickelt, dass Jordanien sich von Energie-Importen freimachen könnte.
Darüber hinaus ist das Land durch seine Lage immer wieder in Auseinandersetzungen unterschiedlicher Gruppierungen in der Region involviert.
All diese Probleme gilt es zu lösen, um die Sicherheit und die Entwicklung des Landes zugunsten seiner Bevölkerung zu gewährleisten. So lässt sich auch erklären, weshalb das Königtum über die Jahrzehnte hinweg zahlreiche Verträge auf bilateraler Ebene und internationale Verträge weltweit abgeschlossen hat. Die Aufzählung der außenpolitischen Abkommen an dieser Stelle ist nicht erschöpfend, doch möge man sich ein Bild über die Vielfältigkeit der Beziehungen machen können.
1955 wurde Jordanien Mitglied der Vereinten Nationen. Diese sind schon seit langem mit mehreren Programmen in Jordanien vertreten, wie der FAO (Food and Agriculture Organisation), UNDP (United Nations Development Program, das sich insbesondere mit den Themen Umwelt und Klimawandel, Armut, demokratische Struktur und Katastrophenmanagement befasst), dem UNHCR (UN Flüchtlingskommissariat) oder dem UNIFEM (UN Entwicklungsfond für Frauen).
Seit dem 29.08.1952 ist Jordanien Mitglied im Internationalen Währungsfond, also fast seit dessen Anfängen 1944, und konnte an Krediten aufgrund seiner Anteile am Fond partizipieren.
Beispielsweise erhielt das Land in einem Dreijahresfond zwischen 1999 und 2001 insgesamt 220 Millionen USD, gekoppelt an einen Wachstumsprozess in Bereichen wie dem Bergbau und der Landwirtschaft sowie tiefgreifende Strukturreformen, z.B. die Reform der Einkommensteuer, ein neues Bankengesetz und das Vorantreiben von Privatisierungen.
In einem Länderstrategiepapier wurde Jordanien von der Weltbank in einem Fünfjahresplan (2006 bis 2010) ein Fond von maximal 540 Millionen USD zur Reduzierung der Armut und der Schaffung von Arbeitsplätzen zugesagt. Zuletzt (2009) erhielt das Land im Rahmen einer zweiten Erziehungsreform einen Kredit von knapp 60 Millionen USD zur fundierten Verbesserung der Schüler- und Studentenausbildung.
Diese und weitere finanzielle Verpflichtungen trugen mit Sicherheit ihren Teil an der Ausrichtung des Landes zu den westlichen Wirtschaftsmodellen bei, da sie z.B. Privatisierungen und Wachstum zur Prämisse machen.


Mitglied der Arabischen Liga und Teilhaber am Arabischen Währungsfond
Jordanien ist seit ihrem Gründungsjahr 1945 Mitglied der Arabischen Liga, einem Bund nordafrikanischer und asiatischer Staaten sowie der palästinensischen Gebiete, vertreten durch die PLO.
Als Mitglied der Arabischen Liga partizipiert Jordanien auch am Arabischen Währungsfond (Arab Monetary Found), der 1976 mit Sitz in Abu Dhabi (Vereinigte Arabische Emirate) zur wirtschaftlichen Stabilisierung und Weiterentwicklung innerhalb der Liga gegründet wurde.


Mitglied der Islamischen Konferenz
Darüber hinaus ist Jordanien Mitglied der Islamischen Konferenz (OIC), einer Organisation, die 1969 mit Sitz in Rabat gegründet wurde, und die sich nach eigenem Bekunden für die Interessen aller Moslems weltweit und das Wohlergehen ihrer Völker einsetzt.


Friedliche Beziehungen zu Israel
Mit seinem Nachbarn Israel hat Jordanien als zweites Land neben Ägypten 1994 einen Friedensvertrag geschlossen. Im Vordergrund steht dabei der Ausschluss kriegerischer Handlungen, aber auch die Zusammenarbeit auf verschiedenen Gebieten.
Im März 1998 folgte ein wirtschaftliches Abkommen, die Einrichtung einer sogenannten Qualifying Industrial Zone (QIZ) im nordjordanischen Irbid, die für schnelle Fremdinvestitionen sorgen sollte. Der Investor erhält einen zollfreien Zugang zum US-Markt für alle Waren, die in dieser Zone produziert werden. Ihr großer Nutzen für Jordanien besteht in der Erhöhung der Beschäftigung und im Technologietransfer. Noch andere dieser Zonen sollten eingerichtet werden.
2004 schlossen beide Staaten ein Freihandelsabkommen. Dadurch können jordanische Waren, die in Freihandelszonen produziert werden, zollfrei in die EU importiert werden.
Industrielle Güter für den Export sind insbesondere Phosphat (Jordanien ist einer der größten Phosphatexporteure der Erde!) und Pottasche. Phosphate sind umweltproblematisch, werden aber weltweit insbesondere als Düngemittel eingesetzt. Pottasche wird beispielsweise als Zusatz zu Schmierstoffen und bei der Glaserzeugung verwendet und aus den Mineralien des Toten Meers gewonnen.


Wirtschaftliche Zusammenarbeit mit den USA
Einer der größten Handelspartner Jordaniens ist die USA, insbesondere für den Export jordanischer Waren durch die eingerichteten QIZ-Zonen. Schon 1997 wurde eine bilaterale Investitionsvereinbarung geschlossen, um dem Wunsch beider Staaten nach größerer wirtschaftlicher Zusammenarbeit nachzukommen und den freien Fluss von Investitionen zu ermöglichen. Ähnliche Abkommen gibt es auch mit europäischen (auch Deutschland), nordafrikanischen und asiatischen Ländern.
Im Oktober 2000 schlossen Jordanien und die USA ein Freihandelsabkommen (FTA). Für die USA ist Jordanien als Umschlagplatz auch ein begehrenswerter Partner im Handel mit den Ländern des Nahen Ostens für viele verschiedene Waren geworden, wie Kosmetika, Kleidung, Haushaltswaren, Autoteile und Autos, Produktionsmaschinen u. a.


Abkommen mit der Europäischen Union
Die Europäische Nachbarschaftspolitik (ENP) zielt darauf hin, mit angrenzenden Staaten außerhalb des Gemeinschaftsgebietes wirtschaftliche und politische Beziehungen einzugehen.
Bereits am 18.1.1977 wurde zwischen der Europäischen Gemeinschaft und Jordanien (sowie Ägypten und Syrien) ein Kooperationsvertrag geschlossen, der am 01.01.1978 in Kraft trat.
Im Jahr 2002 wurde im Rahmen des Europa-Mittelmeer-Abkommens zwischen der EU und Jordanien ein Assoziationsabkommen geschlossen. Die Schwerpunkte des aktuellen Programms für die Jahre 2014 - 2017 sind schriftlich niedergelegt.
Heute ist die EU der zweitgrößte Handelspartner für Jordanien hinter Saudi Arabien und der größte Handelspartner Jordaniens für Exporte nach Jordanien. Hilfen gibt es unter anderem auch für die Entwicklung von Handel und Verkehr, die Unterstützung der Implementierung der Assoziierungsvereinbarung zwischen der EU und Jordanien, die Entwicklung des Unternehmertums in ärmlichen Regionen, die Unterstützung von Frauen gegen Armut und andere.
In der Vergangenheit (bis 2006) wurde im Rahmen von EJADA ein industrielles Modernisierungsprogramm mit 45 Millionen EUR gefördert, ebenso wie die Entwicklung des Hafens von Aqaba (am Roten Meer) mit 10 Millionen EUR.


Zusammenarbeit zwischen Jordanien und Deutschland
Laut Auswärtigem Amt beliefen sich im Jahr 2013 die Exporte von Deutschland nach Jordanien auf 592 Mio. Euro, die Importe aus Jordanien hingegen nur auf 4 Mio. Euro. Eine wichtige Kooperation findet auf dem Energie- und Wassersektor statt, wie z.B. im Rahmen der „German Water Partnership".
Für deutsche Unternehmen bestehen darüber hinaus laut Auswärtigem Amt gute Investitionschancen, vor allem im Bereich der erneuerbaren Energien, im Dienstleistungssektor, in den Bereichen Gesundheit, Tourismus sowie in den Grünen Technologien (z.B. Müllverwertung). Die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) hat die wirtschaftlichen Beziheungen detailliert zusammengestellt.


Raketengefahr
Jordanien lebt heute mit Israel in Frieden, sicherlich auch durch den 1994 geschlossenen Friedensvertrag, in dem auch geregelt wurde, dass die Grenzübergänge zwischen Israel und Jordanien für touristische Zwecke problemlos gestaltet werden sollten, was heute auch tatsächlich so ist. Viele Besucher, so liest man immer wieder, nutzen die Gelegenheit eines Aufenthaltes in Jordanien auch für Ausflüge nach Jerusalem oder andere Gebiete in Israel und umgekehrt. Einige Grenzübergänge an der Westgrenze Jordaniens sind dafür geöffnet.
Beinahe schon als Randnotiz wird Anfang August 2010, nur wenige Wochen vor unserem Aufenthalt in Jordanien, von den Presseagenturen vom Einschlag von 5 Grad-Raketen in Südjordanien/Israel berichtet, und zwar genau am Vierländereck Saudi Arabien, Israel (Eilat), Jordanien (Aqaba) und Ägypten (Sinai), am Ausläufer des Roten Meeres. Die menschliche Bilanz: mehrere Verletzte und ein toter Taxifahrer auf jordanischer Seite.
Einige Tage später wird verlautbart, dass wahrscheinlich eine palästinensische Gruppe verantwortlich sei, die möglicherweise vom Sinai aus operiert habe. Die Hamas, von Israel für den Anschlag verantwortlich gemacht, dementiert. Wenige Tage nach dem Angriff wird der Ausnahmezustand über den Nordteil der Halbinsel Sinai verhängt, mutmaßlich, um die Gruppe zu fassen, die für den Raketenangriff auf Eilat und Aqaba verantwortlich ist. „Ägypten und Jordanien gegeneinander aufzubringen, die beide den Friedensprozess befürworten, könnte ein gezieltes Störmanöver sein“, schreibt die Frankfurter Rundschau. Wer weiß, ob man jemals herausfindet, wer den Anschlag verübt hat.
Angesichts der Umwälzungen der vergangenen Jahre erscheint ein einzelner Angriff unbedeutend. Doch damals, im Oktober 2010, waren wir ein wenig verunsichert, was uns jedoch nicht von unserer Reise abhielt. Wir waren uns bewusst darüber, dass Jordanien inmitten eines Krisenherdes liegt. Das Land grenzt im Norden an Syrien und die israelisch besetzten Golanhöhen, im Westen an Israel und das Westjordanland. Im Südwesten bildet ein Ausläufer des Roten Meeres die Grenze zu Ägypten. Im Nordosten schließt sich der Irak an, im Osten, Süden und Südosten teilt man sich die Grenze mit Saudi-Arabien.
Zu der Zeit hätten wir nie gedacht, in welchem Ausmaß nur wenige Monate nach unserem Aufenthalt der Arabischer Frühling mit allen Hoffnungen gegen die autokratischen Regierungsformen in vielen arabischen Ländern reformatorische Kräfte freisetzen würde. Auch hätten wir niemals vermutet, dass in den durch Krieg und Bürgerkrieg destabilen Nachbarländern Jordaniens eine Terrororgansiation mit einer Ausprägung von unvorstellbar brutalen Gewaltakten gegen die Zivilbevölkerungen im Irak und in Syrien Fuß fassen könnte, mit der Folge von Flüchtlingsströmen nie geahnten Ausmaßes.
Doch auch damals lasen wir in den Sicherheitshinweisen des Auswärtigen Amtes (Stand 23.08.2010):„Grenzübergänge nach Irak werden zeitweilig und ohne vorherige Ankündigung geschlossen. Die Verbindungsstraße von Amman nach Bagdad kann aufgrund der Entwicklung im Irak jederzeit kurzfristig gesperrt sein. Das Auswärtige Amt warnt eindringlich vor Reisen in den Irak.“ Wir hatten zwar nicht vor, Jordanien in Richtung Irak zu verlassen. Solche Zeilen veranschaulichten uns jedoch, wie nahe Krieg und politische Konfliktherde auf unserer Urlaubsreise sein würden.


Konkrete Reisevorbereitungen


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