Von Néos Marmarás nach Sikiá


Heute haben wir mal nicht so ultralange, aber dennoch ausreichend geschlafen und danach unser karges Frühstück mit dem wässrigen Kaffee eingenommen. Eigentlich hätten wir das gerne auf der Terrasse getan, doch die Kleinfamilien haben schon alle Tische an der Seite mit der schönsten Aussicht auf Meer und Strand beansprucht; auch die Kinder sind schon wieder recht lebhaft zugange. Also bleiben wir im Pavillon beim Gebäude, wo wir einigermaßen ruhig in den Tag starten können. Mittlerweile ist eine österreichische Reisegruppe eingetroffen, sehr nette Leute, mit denen man immerhin mal ein paar Worte wechseln kann. Auch ein Einzelreisender erwidert unseren Gruß, und weiß auch ein paar Sätze anzufügen, was uns ganz froh stimmt.
Bei unserer zweiten Tasse Kaffee betritt die Besitzerin des Hotels die Bühne: ziemlich aufgedonnert und grell geschminkt, und mit einer ultracoolen, riesigen Sonnenbrille auf der Nase. Sie lässt mit ihrer Erscheinung keinen Zweifel über ihren Status aufkommen, tauscht ein paar Informationen mit der albanischen Bedienung, die darüber hinaus auch alle Zimmer putzt und sich um die Belange der Gäste kümmert, immer ansprechbar und freundlich. Sie wird übrigens die einzige sein, die sich am Ende ein üppiges Trinkgeld verdient hat.
Nachdem ihre Chefin wieder abgerauscht ist, nicht ohne vorher jedwede anwesenden Gäste zu ignorieren, taucht ihr Gatte bald darauf auf. Alex lässt sich die Gelegenheit nicht entgehen und berichtet nach ein paar netten Eingangsfloskeln vom eingeschränkten Empfang unseres TV-Apparates und dem kaputten Moskitonetz. Darüber hinaus hat sich im Laufe des gestrigen Tages ein merkwürdiger Geruch breit gemacht, der wohl von dem Raum kommt, der direkt an unser Zimmer grenzt. Etwas genervt blickt der dickbäuchige Hotelier ob dieser Herausforderung aus der Wäsche. Er werde sich darum kümmern, brummt er. Na immerhin. Vielleicht können wir nach unserem Ausflug schon das nächste Fußballspiel in unserem Zimmer sehen.

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Für heute ist zur Abwechslung mal heißes Wetter gemeldet. Noch weht eine leichte Brise, doch wir erahnen schon, wie hoch die Temperaturen klettern werden. Bevor wir den südwestlichen Teil der Halbinsel erkunden werden, möchten wir zuerst unser Auto waschen, und das werden wir in einer Tankstelle im etwa acht Kilometer entfernten Néos Marmarás erledigen. Die Schlammkruste, mit der unser Wagen bei unserer Herfahrt überzogen wurde, muss dringend weg. Es dauert etwas, doch nach der Wäsche glänzt die Karre wieder wie neu.
Anschließend statten wir dem Ort einen Besuch ab. An einem kleinen Hafen finden wir einen Parkplatz. Mittlerweile ist es schon recht heiß geworden, sodass uns nicht der Sinn nach einem größeren Rundgang steht. Den werden wir an einem anderen Tag nachholen. Der Mini-Hafen selbst ist Abfahrtsort für kleinere Schiffchen, Ausflugsboote und einer kleinen Fähre zur nächsten Bucht.



Einige Touristen bummeln auf der gegenüber liegenden Straßenseite durch die Geschäfte. Der Rest befindet wahrscheinlich an einem der Strände.


Nach dem Päuschen brechen wir mit dem frisch polierten Auto und bei guter Radiomusik endlich auf zu unserer Erkundung. Wir möchten über die einzige Straße im Westen der Halbinsel bis zur Südspitze fahren. Vielleicht kann man von dort aus mit dem Auto über den Bergkamm, der die Halbinsel von Nord nach Süd durchzieht, wieder zurück. Die rudimentäre Straßenkarte gibt das allerdings nicht her.
Zwischen Néos Marmarás und dem Abzweig zu unserem Hotel liegt das Grand Resort Pórto Karrás mit Golfplatz, Casino und sogar einer eigenen Marina, mit dem sich der Reeder Jánnis Karrás ein weithin sichtbares Denkmal gesetzt hat. Illustre Gäste, wie Salvador Dali und Francois Mitterand, hat die Anlage schon gesehen. 2003 trafen sich Spitzenpolitiker aus Europa zu Sondierungsgesprächen über eine gemeinsame Verteidigungsstrategie der EU. Ansonsten kann man hier auch ohne bekannten Namen einen etwas teureren Urlaub verbringen.
Zu dem Anwesen gehören auch Weinberge. Das umzäunte Areal bedeckt mit einer Fläche von 475 Hektar einen Teil von Sithonías Süden und ist für die Öffentlichkeit unzugänglich. Angeblich soll es sogar videoüberwacht sein, vielleicht ist das aber nur ein Gerücht.


Was uns auf unserer Fahrt nach Süden sehr begeistert, ist der dichte, grüne Kiefernwald, durch den sich die Straße windet und der sich über einen weiten Teil der Halbinsel erstreckt. Rechts das Blau des Meeres im Sonnenlicht, und dann dieses helle Grün der Nadelbäume mit ihrem besonderen trockenen Duft.








Nach wenigen Kilometern erreichen wir eine flache Ausstülpung mit einem nur sehr spärlich besuchten Strand und einer Kantina. Ist das schön hier, insbesondere, weil der Ort nur von wenigen anderen Touristen besucht ist. Bei einem Kaltgetränk lässt es sich im Schatten auf den paar Stühlen sehr gut aushalten. Auch die Wirtin Maria ist sehr nett. Was für ein schönes Fleckchen, so einfach und dennoch – oder vielleicht gerade deswegen – so anziehend, zumindest für uns. Auch ein paar Schirme mit Liegen gibt es, aber alles sehr klein im Vergleich zum Rest des Strandes. Ob der Leere hat man das Gefühl, mal richtig Platz zu haben. Vielleicht liegt es daran, dass dieser Ort der Kirche gehört und der Strand nicht mit Liegen und Schirmen zugepflastert ist.






Ich mag mich von der ruhigen Atmosphäre dieses Ortes mit der Kantina kaum trennen, doch Alex möchte gerne weiterfahren. Kurz flackert ein Gedanke auf, unsere Unterkunft doch noch mal zu wechseln, um einen Ort zu finden, der besser zu uns passt, als dieses für Touristen halbherzig abgepackte Fertigprodukt, das wir in unserem Hotel vorgefunden haben. Nur wenige Kilometer weiter, in Toróni, verflüchtigt sich dieser Gedanke wieder ganz schnell, denn auch dieser Ort platzt aus allen Nähten, ist vollgestopft mit Autos und Menschen.


Wozu also nochmal Zeit mit der Zimmersuche verschwenden, nur um später eventuell festzustellen, dass wir vom Regen in die Traufe gekommen sind? Immerhin haben wir jetzt ein ruhiges Zimmer, und das ist uns sehr viel Wert. Den Rest werden wir mit einer Prise Sarkasmus auch noch hinbekommen.
Im Zentrum Torónis überqueren wir eine kleine Brücke über einen idyllischen Fluss, um gleich danach eine Ausgrabungsstätte zu passieren. Von der Straße aus erkennen wir die spärlichen Überreste eines byzantinischen Kastells, allerdings nichts Aufregendes, was uns heute zu einer Besichtigung reizen würde.


Als wir den Ort hinter uns gelassen haben, nimmt der Autoverkehr schlagartig ab. Die schmale, oleandergesäumte Straße führt nach Pórto Koufó, einem windgeschützten Naturhafen des mächtigen Toróni der Antike.


Heute scheint der Ort ob seines Sandstrandes auch bei Touristen sehr beliebt zu sein, wie man an der Vielzahl der Tavernen und Geschäfte erkennt. Dahinter führt die Straße bergan und weg vom Meer. Von einem Haltepunkt erkennen wir kreisförmige Netzgehege im Meer, mit deren Zuchtprodukten wohl auch der örtliche Fischmarkt Pórto Koufós beliefert wird.


Die völlig überteuerten Doraden des Restaurants bei unserem Hotel stammen sicherlich aus diesem Betrieb. Da der Fisch so gut erreichbar ist, gibt es in der Region zahlreiche „Psáro“-Tavernen, wie uns aufgefallen ist. Doch der Name ist irreführend. Vielmehr handelt es sich um Restaurants, die neben vielen anderen Gerichten auch Fisch anbieten. In einer echten Fischtaverne hingegen erhält man normalerweise hauptsächlich Fisch und Meeresfrüchte, und nur nebenher noch was vom Schwein oder Rind.

Landschaftlich ist auch der Süden Sithonías ein echter Genuss. Immer höher geht es die Hügel hinauf, weg von der Südspitze der Halbinsel. Nur über schmale Wege könnte man zum Meer gelangen, etwas für Liebhaber der Einöde.


Irgendwann lichtet sich der Wald und nur noch vereinzelt stehen Bäume, Überbleibsel eines Brandes, der die damalige Vegetation an der Stelle weitreichend vernichtet hat. Blecherne Viehunterstände säumen die Ränder der Hauptstraße.



Bergab führt die Straße nun wieder in eine landwirtschaftlich genutzte Ebene und ins Dorf Sikiá.


Uns erwartet ein dörflich-gediegenes Sonntag-Nachmittag-Ambiente. Gemütlich ist es in dem kleinen Kafenío auf der Platía, weg vom Touristenrummel. Ein paar Halbwüchsige tummeln sich auf dem Platz, viel mehr gibt es hier für sie an diesem Wochentag wohl auch nicht zu tun. Die Bedienung, bei der wir bestellt haben, gibt sich sehr viel Mühe, unsere Fragen zu beantworten und rät uns davon ab, mit unserem kleinen Mietauto dem Weg in die Hügellandschaft zu folgen, um wieder nach Norden zu fahren. Besser sei es mit einem Jeep, wenn überhaupt. In den letzten Tagen sei sehr viel Regen gefallen, die Gegend sei schlammig und es sei unklar, ob die Feldwege überhaupt befahrbar seien. Ein Blick dort hinauf lässt uns daher den Entschluss fassen, auf demselben Weg wieder zurück zu fahren, den wir gekommen sind. Die Erkenntnis, dass es offensichtlich nur eine einzige asphaltierte Hauptstraße gibt, auf der man die Halbinsel einmal umrunden kann, schränkt unsere Lust auf Entdeckungen etwas ein. Ein großer Teil des Südens ist ja darüber hinaus für die Weinberge des Karrás-Gutes gesperrt. Zwar rät uns die Road-Edition-Karte zu „malerischen Straßen“ im Innern, doch diese haben wir schon auf Kreta kennengelernt, und es handelte sich um mit einem PKW nur sehr schlecht zu befahrende Schotterpisten. Das Risiko gehen wir nicht mehr ein. Auf dem Rückweg biegen wir kurz hinter dem Dorf ab zur langgezogenen, gut mit Touristen gefüllten Paralía Sikiás und erhaschen gleichmaßen einen Blick auf die imposante Südspitze des Agion Oros auf der benachbarten Halbinsel.




Im weiteren passieren wir die nun bekannten Orte und Aussichtspunkte. Auf Anhieb finden wir den richtigen Abzweig zum Hotel und genießen die wenigen Kilometer bergab durch den Kiefernwald in Richtung Meer. Insgesamt hat uns der Ausflug sehr gut gefallen. Dass wir auf Sithonía ein so großes zusammenhängendes Waldgebiet antreffen würden, damit haben wir nicht gerechnet. Dieser Wald ist neben den sandigen Buchten sicherlich das größte Gut, dass die Halbinsel für den Tourismus zu bieten hat.










Zurück im Hotel nutzen wir ein kleines Zeitfenster zwischen der Heranbrandung von wilden Kindern und dem Überfall von Moskito-Monstern, um auf der Hotelterrasse einzutauchen in das alles umhüllende, warme Licht eines sommerlichen, nordägäischen Sonnenuntergangs.








Da uns nicht mehr der Sinn nach Autofahren steht, werden wir dann doch wieder in der Taverne des Campingplatzes zu Abend essen, allerdings keinen Fisch. Mittlerweile kennen wir das Procedere: Gut eingesprüht mit Insektenspray und sich weder von den Mückenschwärmen noch den herumtollenden Kindern aus der Ruhe bringen lassen, geben wir unsere Bestellung auf. Etwas Gegrilltes soll es sein, denn das spärliche gekochte Mahl vom Mittag ist längst alle.
Das Grillgut ist etwas hart und dunkel geraten, die Fritten ausreichend und der Salat genauso garniert wie am Tag zuvor. Ein Verdacht keimt auf, dass der Salat gar nicht frisch ist, sondern aus dem Großmarkt schon fertig gehäckselt auf den Teller kommt und mit beiliegender Fertigsoße garniert wurde. Zumindest schmeckt es so. Olivenöl wurde jedenfalls nicht verwendet. Meine Bitte, uns Ládi an den Tisch zu bringen, wird postwendend erfüllt. Ich tippe nach dem Genuss auf Sonnenblumenöl, das nach nichts schmeckt. Einer Olivenölverordnung geschuldet, dass kein offenes, nicht etikettiertes Olivenöl mehr auf den Tischen stehen darf, beraubt man die griechischen Tavernen eines weiteren Stücks ihrer Kultur. Was für ein Irrsinn! Hatte man vorher zumindest die Möglichkeit etwas nachzuölen, ist jetzt nur noch die Trockenversion übrig geblieben. Alternativ könnte man abgepackte Ölfläschchen servieren oder schon vorab ordentlich Olivenöl hinzugeben, doch Letzteres wünschen die Touristen offensichtlich nicht so. Vielleicht ist es den meisten Besuchern im Lande auch egal. Aber das passt auch zum Schlankheitstrend, wo man abends in den Ouzerien eher mit spitzen Fingern Häppchen zu sich nimmt, anstatt ein ordentlich zubereitetes, in Soße triefendes Stifádo in sich hineinzuschaufeln.
So schade, dass mich in Fanári dieser heimtückische Magen-Darm-Virus außer Gefecht gesetzt hat, wie gerne hätte ich den Speisen in unserer Lieblingstaverne „To Spitikó“ gefrönt, einem Familienunternehmen, das es schon zu Alex' Jugendzeiten gab und das ob der sehr guten Essensqualität zu moderaten Preisen seit jeher außerordentlich gut besucht ist, insbesondere von Einheimischen.
Wie anders in der Campingtaverne. Da der umherflitzende Wirt sehr gestresst ist und damit noch mehr Unruhe verbreitet, verlassen wir das Lokal recht bald wieder. Vielleicht sollten wir mal woanders speisen.
Die Hotelterrasse ist mittlerweile wieder mit Familienglück belegt, sodass wir uns schnurstracks in unser Zimmer zurückziehen. Mehr gibt es hier nicht, noch nicht mal eine schäbige Kneipe.
Eine weitere Enttäuschung erwartet uns im Zimmer: Zwar ist der Geruch der Kloake des Campingplatzes wieder weg (aber nur, weil der Wind gedreht hat, wie wir anderntags erfahren), dafür zeigt der Fernseher nur noch ein einziges Programm.
Spontan beschließen wir, in unserem Leben keinen Urlaub mehr in einer Bucht weit ab von allem zu machen, schon gar nicht in den Ferien, und uns künftig besser vorzubereiten statt geradewegs drauflos zu fahren. Schlimm ist es zwar nicht, aber schön sind die Abende auch nicht. Immerhin haben wir die Hoffnung, dass die Familien irgendwann abreisen und vielleicht durch andere Urlauber ersetzt werden, die auch eher der abendlichen Ruhe frönen, sodass wir uns zumindest mal auf der Terrasse aufhalten können.

Ausflug nach Ouranoúpolis


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