Rückkehr nach Deutschland
(1987)



Wie abgesprochen, traf ich die beiden Urlauber auf der Fähre nach Piräus. Sie hatten einen gemütlichen, älteren Mercedes-Bus. Einer der beiden hatte sich eine böse Augeninfektion zugezogen und musste Antibiotika schlucken. Das Auge sah wirklich nicht gut aus. Auf meine Frage, wo es denn in Deutschland hingehen sollte, erfuhr ich, dass sie genau mein Reiseziel hatten. Bingo!

Etwas später gesellte sich noch ein junger Mann aus Österreich zu uns, der ebenfalls eine Mitfahrgelegenheit brauchte. In den frühen Morgenstunden erreichte unsere Fähre das ohrenbetäubend laute Piräus. Ganz sicher durchquerten wir die Riesenstadt Athen und schon befanden wir uns auf der Schnellstraße, die an der Ostküste Griechenlands nach Norden führt, Richtung Jugoslawien und Autoput. Alles verlief ruhig und stressfrei, nur der zweite Fahrer litt sehr unter der Infektion. Er bekam von uns seine Augentropfen und Pillen verabreicht, und jede Medikamentengabe warf ihn auf das Matratzenlager im rückwärtigen Teil des Busses, wo er dann mehrere Stunden schlief.

Wir anderen waren guter Dinge. Irgendwann fing das Auto an, etwas aus dem Auspuff zu qualmen. Das war kein gutes Zeichen! Doch der Fahrer, ich nenne ihn Manni, verhielt sich souverän. Er erzählte uns, er habe die Sahara schon ein paar Mal per Auto durchquert, und da müsse man sich mit der Technik schon sehr gut auskennen, wenn man wohlbehalten ankommen wolle.

An der Grenze zu Jugoslawien wurden wir ein wenig aufgehalten. Der Grenzbeamte bedeutete Manni, einstweilen das Auto abzustellen. Nach einer Weile durften wir weiter fahren. Mit banger Miene hofften wir alle, dass die Karre wieder ansprang. Manni "orgelte" ein wenig herum. Der Grenzer umschritt unser Auto, um sich dann dahinter zu postieren und Manni zuzuschauen, wie er verzeifelt versuchte, das Auto in Gang zu bringen.
Schließlich gelang es ihm. Der Benz hustete und stieß eine große, pechschwarze, stinkende Wolke aus, die den Grenzbeamten vollständig einhüllte. Nix wie weg, dachte sich Manni, und gab Gas. Wir fuhren davon, so schnell wir konnten!

Unterwegs hielten wir immer mal wieder an, um Manni`s Kumpel mit Medizin zu versorgen, der sich gleich darauf wieder auf die Matrazen warf und schnarchte. Bald wurde es dunkel. Wir waren irgendwo in Südjugoslawien und beschlossen, hier anzuhalten und die Nacht zu verbringen. Manni wollte am nächsten Tag irgendeine Möglichkeit finden, um sein Auto reparieren zu lassen. Wir Mitfahrer rollten unsere Schlafsäcke im Straßengraben neben dem Auto aus und versuchten, eine Mütze voll Schlaf zu erhaschen.

Am nächsten Morgen sprang das Auto nur noch ganz widerwillig an. An eine Weiterfahrt war nicht mehr zu denken. Manni entschloss sich, ins nächst gelegene Dorf zu fahren und eine KFZ-Werkstatt aufzusuchen. Wir rollten ein wenig bergab, und da war auch schon das nächste Örtchen. Mit Händen und Füßen erklärten wir den Leuten, die da gerade auf der Straße standen, was wir wollten. Gleich versammelten sich mehrere Menschen um uns herum.
Ah, wir suchten einen Automechaniker, der wäre gerade nicht da, er würde aber bald zurück kommen. Wir sollten doch solange in ihrem Wohnzimmer warten. Und so geschah es. Aus einer kleinen Wartezeit wurde ein mittelgroßes Fest. Bereits um 9 Uhr stand Slibovitz auf dem Tisch. Später gab es Leckeres zu essen. Mittlerweile hatte Manni eine Flasche Whisky aus dem Auto hervor gezaubert und schenkte sie unseren Gastgebern. Da brachen sämtliche Dämme.

Am Nachmittag trudelte der Mechaniker ein, konnte den Schaden am Auto jedoch nicht lokalisieren. Das wiederum gelang Manni nach nochmaliger genauer Untersuchung. Ein Schlauch war porös. Er wurde notdürftig repariert, und bald verabschiedeten wir uns auf das Herzlichste von unseren Gastgebern. Es war ein wirklich schöner Tag gewesen, und trotz erheblicher Sprachbarrieren hatten wir uns prächtig verstanden.

Die weitere Fahrt zurück nach Deutschland verlief dann ohne weitere Abenteuer. Für unseren österreichischen Mitreisenden wurde sogar ein Umweg gefahren, um ihn zu Hause abzusetzen. Das nächste Ziel war München, wo Manni Freunde besuchen und übernachten wollte. Er wusste von meiner Geldknappheit und ich fragte, ob ich im Auto bleiben könnte. Das kam überhaupt nicht in Frage. Ich wurde trotz Proteste meinerseits mit in die Wohnung geschleppt. Die Freunde waren ausgesprochen nett. Und nicht nur das: Ich musste - so abgerissen wie ich war - abends noch mit ins piekfeine und teuere Schwabing kommen, wurde den ganzen Abend über frei gehalten. Meine letzten 50 DM wollte ich Manni dann wenigstens geben, doch er lehnte vehement ab. Ich bräuchte das Geld im Moment dringender, und damit basta.

Am nächsten Nachmittag, als wir unser Reiseziel erreichten, ließ er es sich nicht nehmen, mich an meinem Ankunftsort direkt vor der Haustür abzusetzen. So viel Gastfreundschaft von Deutschen hatte ich nicht erwartet und war sehr gerührt. Die Fahrt bleibt unvergesslich.

So erreichte ich also wohlbehalten das adrette Deutschland wieder, voller Erinnerungen im Gepäck, abgebrannt, abgerissen, etwas wehmütig, aufgedreht und müde, und immer noch ergriffen von der spontanen Großzügigkeit meiner Begleiter. Ich wusste, das sollte nicht mein letzter längerer Trip nach Griechenland gewesen sein, ich hatte Blut geleckt.