Ausklang unserer Reise


Um halb sieben am Morgen sind wir schon aufgestanden, haben früh und noch vor dem großen Ansturm in Ruhe gefrühstückt. Jetzt ist also der letzte Tag unseres Aufenthalts in Boston und unserer USA-Reise insgesamt angebrochen.


No-Duck-Tour
Wir haben uns dazu entschlossen, doch noch diese Duck-Tour mit dem Amphibien-Fahrzeug zu machen, haben aber keine Tickets vorbestellt. Die Fahrzeuge kann man an einigen Stellen in der Stadt besteigen, unter anderem an der Haltestelle Aquarium, am Hafen, wo auch die blaue Linie ab Wonderland hält, sodass wir nicht mehr mit Umstieg bis in die Innenstadt fahren müssen. Tickets sollen dort an einem Schalter ebenfalls erhältlich sein. Doch diesen müssen wir erst mal suchen, denn das Gelände um das Aquarium herum ist recht groß.


Viele Anbieter sind anwesend, haben ihre Schalter in frei stehenden Wagen geöffnet und verkaufen Tickets zu verschiedenen Angeboten. Neben den großen Ticketschaltern für die Whale-Watching Touren, die jetzt am Memorial-Wochenende total ausverkauft sind, haben sich lange Schlangen mit großen Kindergruppen in den Zugängen zu den Schiffen gebildet. Eine dieser Touren hätten wir auch gerne gemacht, doch Zeit und Energie haben einfach nicht mehr gereicht.
Ein Ticketverkäufer in einem kleinen Wagen erklärt mir auf Nachfrage den Weg zu dem kleinen Kiosk der Duck Tours weiter hinten. Es könne gut sein, dass die Touren ausverkauft sind, dann soll ich wieder zurückkommen, er könne mir eine bessere Tour auf dem Wasser verkaufen.
Tatsächlich finden wir den Kiosk, der allerdings noch geschlossen ist. Nirgends ein Hinweisschild – weder zu den Abfahrtszeiten der Gefährte noch zu den Öffnungszeiten des Ticketschalters. Eine ganze Weile stehen wir hier, während sich ein Saxophonist am frühen Vormittag gleich nebenan die Seele aus dem Leib spielt. Soviel gute Energie kann mich allerdings nicht besänftigen, ich bin etwas sauer, dass wir an unseren letzten Tag Zeitaufwand für bisher nichts aufgebracht haben.
Dennoch geben wir der Unternehmung noch eine Chance, fahren mit der U-Bahn inklusive Umstieg weiter zum Museum of Science, wo wir den Ticketschalter ja schon gesehen haben und auch die Abfahrt mehrerer dieser Amphibienfahrzeuge. Doch auch hier: alles geschlossen. Niemand weiß Bescheid, kein Fahrzeug weit und breit. Im Internet war zu lesen, dass die Schalter täglich ab 9 Uhr geöffnet sind, doch das sind wohl fake-news. Geschlagene zwanzig Minuten harren wir noch aus, meine Laune verschlechtert sich noch weiter. Frustriert ob der Verschwendung unserer Zeit fahren wir unverrichteter Dinge wieder zurück zum Revere Beach. Bei unserer Ankunft bessert sich meine Laune aber wieder schlagartig. An diesem schönen, warmen Sonnentag sind wir am Strand eh besser aufgehoben als in der lauten Innenstadt.


Blick aus unserem Hotelfenster


Zurück am Revere Beach
Als wir in Richtung Strand trödeln, sind schon recht viele sonnenhungrige Besucher dort angekommen. Es ist Ebbe, der Strand liegt blank. Für die meisten Besucher wird es das erste Wochenende sein, das von den Temperaturen her einen mehrstündigen Strandaufenthalt hergibt.
Jetzt im Mai ist noch so Platz am Strand, wunderschön entspannt alles, ein befreiendes Gefühl im Wind, am breiten Teil des Strandes, der bei Flut später am Abend wieder volllaufen wird. Das Wasser noch sehr kalt, nur ein paar Kinder wagen sich hinein und planschen herum.


Endlich können auch wir barfuß im Sand laufen, das hatte ich mir zum Abschluss unserer Reise noch gewünscht. Große Muschelschalen liegen im Sand, die meisten zerbrochen. Kleine Krebse klettern herum und eine dunkelbraune Meerentenfamilie schaukelt auf den Wellen. Zwischen einigen Sonnenbadenden stolzieren Möwen herum, wohl in der Hoffnung, ein paar Leckereien abzubekommen.
Zum Ausgleich für die verplemperten Stunden belohnen wir uns mit etwas Süßem. Ein geöffneter Stand befindet sich an der Uferpromenade, oberhalb von Kelly’s, und verkauft extragroße Portionen Softeis verschiedener Geschmacksrichtungen, das von vielen Gästen beworben wird. Obwohl ich kein Softeis-Fan bin, hebt der Zuckerstoß die Laune auf ein noch besseres Level. Trotz einer angenehmen Brise brennt die Sonne wie die ganze Woche noch nicht. Ich habe mir, ohne es zu merken, schon eine heiße, rote Stelle am Oberarm geholt. Das Lüftchen, das langsam in einen stetig auffrischenden Wind übergeht bläst aus Süd und ist sehr erfrischend, sodass man die mittäglichen 30 Grad nicht als übermäßig heiß empfindet.

An einem Teil des Strandes, auf der Höhe des Toilettenhäuschens mit den sehr sauberen Restrooms und Sichtschutz im Frontbereich, haben Leute Drachen steigen lassen, die wie eine Eins im stetig aus Nordost blasenden Wind stehen. Es kommen immer wieder neue dazu.




Gerade am heutigen Sonntag und Feiertagswochenende merkt man, wie sehr der Strand und die Promenade sich bei dem tollen Wetter bevölkern werden. Immer mehr Autos kommen und parken auf den Streifen rechts und links der Uferstraße, denen Menschen mit entsprechenden Utensilien entsteigen und geradewegs zum breiten Strand pilgern. Mit gefällt, dass jeder seinen eigenen Schirm in den Sand rammen, sein Handtuch aufspannen oder seinen Stuhl irgendwo aufklappen kann. Nirgendwo üben Schirm- und Liegenvermieter Zwang auf Strandbesucher aus, und so kostet der Besuch auch nichts. Der Strand bleibt ein Erholungsort für die Menschen, so ja auch das Konzept der Wiederbelebung des Revere-Strandes. An der Uferpromenade sind nach einer Stunde beide Seitenstreifen zugeparkt (kostenlos). Am Nachmittag und vor allem morgen, wo man noch höhere Temperaturen erwarten kann, wird es sich sicherlich noch mehr beleben. Familien, Paare, Einzelpersonen – dieser Strand lädt alle ein, nur keine Hunde. Das sollte man wissen, denn Haustiere sind hier – wie schon erwähnt - nicht erlaubt.
Ein weiterer Drachen - an einer Schnur 30 bis 40 Wimpeln – wird soeben gestartet, im Sand verankert und hängt kurze Zeit später in einem großen Bogen im Wind.

Mittlerweile haben wir uns auf dem Mäuerchen, das Strand und Promenade abgrenzt, niedergelassen und genießen unseren letzten Tag in vollen Zügen. Der Revere Beach begeistert uns heute mit seiner Ruhe, dem angenehmen Wind, dem Duft nach Sommer und Meer, den leicht anbrandenden Wellen und den dazugehörigen Geräuschen. Anderen Besucher geht es offenbar ebenso – ein perfekter Tag.
Um das zu feiern, haben wir soeben beschlossen, uns bei Stavroúla im Santorini noch ein kleines Stückchen Pita zu genehmigen. Im Außenbereich ist es lauschig, nichts zu spüren von der Kälte der vergangenen Tage. Und so verlängern wir unseren Aufenthalt hier noch um ein Stück griechischen Schokokuchen, die Sünde pur! Danach trotten wir zum Kofferpacken wieder langsam ins Hotel.

Die hölzernen Pavillons sind nun ebenfalls gut besucht. Viele Strandbesucher haben sich an den noch spärlich geöffneten Ständen etwas zu essen geholt, verspeisen im Schatten genüsslich ihre fettigen Fritten und Burger, bevor es wieder ans Wasser geht. Ein Rotkehlchen zwitschert und trällert wie verrückt oben im Gebälk und hofft auf Gehör. Flugzeuge landen in diesem Zeitfenster wieder im Minutentakt, das tägliche Schauspiel. Ansonsten hat sich eine träge Ruhe breit gemacht, selbst die Kids sind brav und nerven nicht herum. Auch keine Ghetto-Blaster oder Autoposer stören die Idylle.






Später, auf dem Weg zum Abendessen ins Santorini, werden wir wieder im Sand spazieren gehen, und uns die Füße im seichten Wasser abfrieren, während der Restkörper noch warm vom Tag in der Abendsonne glüht.
Doch das Kofferpacken nimmt etwas mehr Zeit in Anspruch als gedacht, weil ich den Haustürschlüssel für die Wohnung in Deutschland nicht finden kann. Irgendwo hatte ich ihn vor fünf Wochen hingesteckt, damit er nicht versehentlich wegkommt. Nachdem der Kofferinhalt mehrfach umgewälzt worden ist, taucht er wieder auf. Am Ende sind wir zufrieden, wir haben alles gut untergebracht, das Gewicht von Koffer und Taschen passt.
Die Lokale um das Hotel (Fine Line, Dryft und Mission Beach House) sind am Abend knallvoll besetzt, sowohl innen als auch außen, begleitet von der entsprechenden Geräuschkulisse und lauter Musik vom Band. Den jungen Leuten gefällt’s. Wir sind jedoch schon wieder auf dem Weg zur Griechin.


Abends bei Stavroúla
Aus dem abendlichen Spaziergang im Sand wird aber leider nichts mehr. Doch auf der Promenade genießen wir einmal mehr die lauen Temperaturen und können uns vorstellen, wie sehr die Menschenmenge einschließlich der Blechlawine vom heutigen Tag im Sommer noch ausufern wird. Zu bestimmten Zeiten ist die Straße dann auch für den Autoverkehr gesperrt, insbesondere zu Zeiten der Festivals und anderen Veranstaltungen.
Unterwegs begegnen wir Leuten, die langsam den Strand verlassen und sich auf den Weg nach Hause machen. Doch immer noch stehen die Autos dicht an dicht geparkt an den Straßenseiten. Zu dieser Tageszeit sind nun doch ein paar Autoposer mit Blinklichtern und lauter Musik hierhergekommen. Was für ein Gefühl muss es sein, sich als erwachsener Mensch so in den Vordergrund zu stellen, die ansonsten ruhige Atmosphäre durch das Geplärre aus den Lautsprechern zu zerstören? Wozu das Ganze? Was für ein Egotrip!
Die anderen Besucher lassen sich davon offensichtlich nicht beeindrucken, ziehen eisschleckend, telefonierend, lachend, scherzend, plaudernd über den Strand oder sitzen still genießend auf dem Mäuerchen.
Bei Stavroúla erhalten wir im Innenbereich noch locker einen Platz, doch etwa zehn Minuten später ist schon alles voll besetzt. Unsere Tischnachbarn kommen aus New York und sind supernett. Am Ende wünschen sie uns (so wie wir es immer hören – muss man das wörtlich nehmen oder ist es nur eine Floskel?) – einen „Safe Trip“.
Mitropános lässt mittlerweile mit „Róza“ und „Ta Ladhádhika“ vom Band sehnsüchtige Stimmung aufkommen. Stavroúla kommt in einer kleinen Pause wieder einmal an unseren Tisch. Heute Abend trägt sie ihr Herz auf der Zunge. Ihre Nachmittagsbedienung sei zwar sehr nett, erzählt sie, bringe jedoch alles durcheinander. Sicher lernt sie es noch besser, sie sei ja auch noch neu. Die Abendbedienung stammt aus Dagistan, ist verheiratet und hat zwei kleine Kinder. Die sei vielleicht fix!
Eines Tages kamen die Sängerinnen Glykeria und Melina Aslanídou nach Boston und wollten im Santorini essen. Alles war gerichtet, ihr Essen sollte dann doch ins Hotel geliefert werden. Auch wenn die beiden nicht ins Restaurant kamen, hörten dort alle die ganze Nacht über die Musik im Lokal, und die Bedienung aus Dagistan tanzte stundenlang Tsifteteli. Um 6 Uhr morgens waren nach ganz wenig Schlaf alle wieder an Bord, um den neuen Arbeitstag zu beginnen. Neben diesen und anderen Erzählungen nimmt Stavroula unsere Bestellung auf: runde Biftékia in Tomatensoße auf Reis mit Salat, dieser heute in Suppenschüsseln serviert – was für Portionen! Als wir unser Essen verschlungen haben und uns im Außenbereich in lauschiger Nacht eine Sitzgelegenheit gesucht haben, kommt Stavroula noch einmal auf ein Schwätzchen vorbei.
Bei unserer endgültigen Verabschiedung erhalten wir von der Wirtin noch eine Tüte mit Geschenken in Form von Halvas, kretischem Olivenöl, zwei Kerzenleuchtern, Schokokeksen und kretischem Honig. Wie sollen wir das alles verstauen? Sie hört nicht auf, immer noch etwas Weiteres in die Tüte zu packen und lässt sich nicht aufhalten, bis sie zufrieden ist. Auch ohne all diese Geschenke denken wir oft und gerne an unsere abendlichen Aufenthalte dort zurück.

Die friedliche Stimmung wird am Ende von Feuerwehr und Polizei unterbrochen, Autos rasen mit Signalhorn vorbei. Heute sind auch Hubschrauber im Einsatz. Ein Feuer irgendwo? Täglich mehrmals ist es während unseres Aufenthaltes an der Uferstraße zu solchen Einsätzen gekommen. Einmal sind fünf Feuerwagen zu einem Haus an der Promenade gerast, dazu berittene Polizei, passiert ist aber Gottlob nichts. Eine Polizeistation befindet sich ja auch in unmittelbarer Nähe zu unserem Hotel.
Wo bis 8 oder 9 Uhr noch richtig viel Betrieb am Strand war, ist die Promenade auf unserem Rückweg gegen 10 Uhr komplett verwaist, und es begegnet uns so gut wie niemand mehr. Am unteren Ende des Strandes, in Richtung Innenstadt, leuchten etliche blaue Signallichter. Hoffentlich ist nichts Schlimmes passiert.
Später kann man im Internet lesen, dass es doch zu zwei schlimmen Zwischenfällen an diesem Strandabschnitt gekommen ist, die wahrscheinlich nichts miteinander zu tun haben. Beide Male gab es Rangeleien unter Jugendlichen, beide Male wurde in eine Menge geschossen und es kam zu Schussverletzungen bei Unbeteiligten, zum Glück nicht lebensgefährlich. Später konnten wir lesen, dass nach einigen Tagen ein 19jähriger verhaftet wurde, der der Polizei schon öfter aufgefallen ist. Anhand eines Videos, das im Internet kursierte, konnte man ihn identifizieren. In der Folge dieser Vorfälle wurde der Strand für den Abend gesperrt, daher also die gähnende Leere bei unserer Rückkehr zum Hotel.
Auch in den Jahren zuvor ist es am Revere Beach immer wieder zu Gewaltakten einzelner Personen gekommen, auch mit Todesfolge. Daher auch die starke Polizeipräsenz, die diese Dinge aber offensichtlich nicht vollständig verhindern kann. Irgendwie klingt das so surreal. Solche Gewalt einerseits, und die friedliche Zeit, die wir hier verbringen konnten, andererseits. Es ist nur ein sehr winziger Teil von Besuchern, Jugendgruppen oder Einzelpersonen, die sich in solche Provokationen verwickeln lassen oder sie suchen. Das sollte man sich bewusst machen. Einen weiteren Aufenthalt am Revere Beach würde ich immer wieder ohne Beklemmungen einschieben, wenn es sich so leicht machen ließe. Wir als Touristen haben uns hier jedenfalls immer sicher und gut gefühlt. Auch im Nachhinein kann ich das nicht anders bewerten.


In der Rückschau, fast ein Jahr später, als dieser Reisebericht entstanden ist, kann ich es immer noch kaum fassen, was wir alles erlebt haben und wie schön diese Zeit in den USA war. Es hätte noch so viel mehr gegeben, was wir hätten unternehmen können. Doch wer weiß, ob wir die USA nicht erneut bereisen werden, dann vielleicht mit weiteren Zielen. Diese Reise jedoch war einzigartig und ist zu einer unserer positiven und intensiven Erinnerungen geworden, für spätere Zeiten, wenn wir auf diese Weise vielleicht nicht mehr reisen können.