Ankunft auf Kreta
Die ersten Tage

(November 1986)


Jetzt waren wir also auf Kreta angekommen und wussten erst mal nicht, in welche Richtung wir weiterziehen sollten. Aus der Stadt wollte ich unbedingt gleich wieder raus: zu laut, zu hektisch, zu viele Häuser - alles zu viel nach der Beschaulichkeit der letzten Monate.

Gerhard favorisierte Agia Galíni, da er mit seinen Eltern dort schon einmal Urlaub gemacht hatte und den Ort ganz nett fand. Amit hatte andere Pläne. Ich schloss mich Gerhard an, und gemeinsam nahmen wir einen Bus in den Süden. Mittlerweile war das Wetter richtig ungemütlich geworden, es regnete.
Die Fahrt dauerte eine ganze Weile und eröffnete mir die Weite der Insel, als wir die Berge im Inneren überquerten und erstmals den Ausblick über einen Teil der Südküste genossen.

Agia Galíni schien zu dieser Jahreszeit menschenleer zu sein. Dort, wo sich heute der aufgeschüttete Strand befindet, war damals Wildnis. Bauskelette ließen erahnen, dass sich noch andere im touristischen Geschäft versuchen wollten.
Einer dieser Rohbauten sollte uns vorerst als Unterkunft dienen. Dazu mussten wir uns links halten, also unterhalb des Ortes in Richtung des heutigen Strandes gehen. Der schmale Pfad führte um eine Felsnase herum. Gerhard erzählte mir, dass man ihm während des Urlaubs von Schlangen berichtet hatte, die angeblich dort in den Felsspalten hausten, an denen der Weg ganz nah vorbei führte. Ein schauderhafte Gedanke. Heutzutage hat man einen Ziergarten angelegt, um das ganze etwas aufzupeppen, damals war dort absolute Öde.

Unser Rohbau war zweistöckig. Wir suchten uns einen Platz in der Mitte der ersten Etage, wo es hoffentlich nicht so zugig war und wir gleichzeitig vor Nässe geschützt waren. OK, es regnete zwar nicht herein, doch es zog wie wahnsinnig. Außerdem war es kalt. Wir froren in unseren Schlafsäcken. Es war ungemütlich, öde und nicht schön.

Warum war ich nochmal nach Kreta gekommen? Wo waren die weiß gekalkten Häuser, wo die Beschaulichkeit?
Ein bißchen Proviant hatten wir noch, doch mein Geld neigte sich bedenklich dem Ende zu. Es war unausweichlich: Wir mussten in belebtere Gegenden, vor allem brauchte ich Arbeit.

Gerhard erwähnte Timbáki und das näher gelegene Kókkinos Pírgos, wo es landwirtschaftliche Betriebe gab, und vor allem Geschäfte, in denen wir für die nächsten Tage einkaufen wollten.

Da wir zu Fuß unterwegs waren, mieden wir die Straße, sondern wollten einen schönen Strandspaziergang machen. Am Anfang war das auch ok, doch bald schon mussten wir klettern. Den halben Hang hoch, und dann wieder hinunter. Oben befand sich eine Absperrung - militärisches Gelände, verbotene Zone.
Wir überwanden Geröll und Felspalten, mussten auch immer wieder bis ganz zur Wasserlinie hinunter steigen, um dort vorsichtig über Felsen zu klettern, und aufpassen, dass wir keine nassen Füße bekamen oder ins Meer fielen. Die Regengüsse des Herbstes hatten unseren Weg sehr beschwerlich gemacht.

Nach etlichen Stunden, wie es schien, trudelten wir in Kókkinos Pírgos ein, gingen die Durchgangsstraße weiter und ereichten fast schon Timbáki, als uns jemand etwas hinterher rief.

Von Agia Gálini kommend:   ein Teil der Ebene mit den charakteristischen Plastik-Gewächshäusern

Ein Mann winkte uns freundlich zu sich heran und fragte uns, ob wir für ihn in seinem Treibhaus arbeiten wollten. Das war ja irre, so einfach ging das hier? Und besser noch: Er hätte ein kleines Plastikhaus neben seinem Treibhaus, in dem wir wohnen könnten. Auf meine Nachfrage hin lachte er und meinte, aber nein, natürlich würde es dort nicht hinein regnen, wir bräuchten uns keine Sorgen zu machen.

Am besten sollten wir uns das alles mal ansehen. Ob wir schon etwas gegessen hätten? Hatten wir nicht, und so lud uns (ich nenne ihn) Níkos zu sich ein. Idyllisch war es dort neben dem Plastikhäuschen. Wir nahmen an einem Tisch draußen, unter einem Schatten spendenden Baum Platz.

Níkos brachte eine Flasche Wein, Oliven, Paximádi (trockene Brotwürfel, die daher auch "Zwieback" heißen), die er in einem Suppenteller mit wenig Wasser und viel Olivenöl schmackhaft zubereitete. Tomaten rundeten den Nachmittagsimbiss ab. Wir fühlten uns sehr freundlich aufgenommen, Níkos erzählte viel, konnte sogar ein paar Worte Deutsch. Auch wenn die Plastikhütte innen nicht wirklich sauber war, so war sie allemal besser als unser zugiger Rohbau. Und die Aussicht auf Arbeit und eingehende Geldbeträge für den Lebensunterhalt war beglückend. Nun würde doch alles gut werden. Natürlich sagten wir sofort zu.

Unser Umzug fand am nächsten Tag statt. Nikos eröffnete uns darauf hin, dass er nur Arbeit für eine Person in seinem Thermokípio (Treibhaus) habe, und zwar für mich, da die Tätigkeit klassische Frauenarbeit sei. Gerhard könne aber in Timbáki anheuern, Arbeit gäbe es genug. Der Stundenlohn für mich: 200 Drachmen, das waren damals weniger als 2,00 DM. Ich konnte es nicht fassen, für so wenig Geld Knochenarbeit leisten zu müssen, wollte aber das Ganze erst mal auf mich zukommen lassen. Ein Anfang war gemacht.

Am nächsten Tag machte sich Gerhard in der Früh auf zur "Aussie-Bar", einem Lokal in der City von Timbáki, das von einer Australierin und ihrem griechischen oder kretischen Ehemann geführt wurde, Treffpunkt für die ausländischen Arbeitskräfte, die auf der Suche nach einem neuen Job waren.

Um 8.00 Uhr stand ich mit Níkos im Thermokípio, in dem bereits um diese Tageszeit tropische Temperaturen herrschten, da die Sonne unerbittlich auf die Plastikplanen knallte. Da wir jetzt also allein waren, kam Níkos mir etwas näher....und noch näher, während er mir zeigte, was ich zu tun hatte: Welke Blätter von den Gurkenpflanzen abziehen, die - bereits hoch gebunden - kräftige Früchte trugen. Níkos kam mir zu nah! Ochi!!, das wollte ich nicht. Er zog ein beleidigtes Gesicht.

Ich ging zu unserem Plastikwohnhaus, zog mir eine Jeansjacke über und knöpfte sie bis unter`s Kinn vollständig zu. So schwitzte es sich noch viel mehr, doch das war mir egal. Die Situation ärgerte mich. Níkos hingegen wurde sehr unwirsch, zeigte mir immer wieder, was ich zu tun hatte und war unzufrieden, wie ich meine Arbeit tat. Ich verstand auch nicht richtig, nach welchen Kriterien ich die Blätter aussuchen sollte, die abzuzwacken waren.

Irgendwann meinte er wohl, dass ich jetzt genug verstanden hätte und ließ mich allein. Ich machte mich also über die Pflanzen her. Es stimmte, die Blätter, die ganz am unteren Ende hingen, waren schon gelb und welk, und die in der Schicht darüber fingen auch schon an, die Farbe zu wechseln. So säuberte ich also alle Pflanzen von Grund auf, so dass die kräftigen Stengel am unteren Ende hinterher gut sichtbar waren.

Um die Mittagszeit kam Níkos zurück. Blankes Entsetzen in seinen Augen - WAS HAST DU GETAN???? Meine schönen Gurken, ALLES KAPUTT, du hast die Pflanzen ruiniert!!!!!
Nach dem ersten Schreck sah ich die Dinge jedoch wieder gelassener. Hätte er sich von vorneherein mehr Mühe gegeben, mir die Arbeit vernünftig zu erklären statt mich anzugrapschen, wäre das nicht passiert. Außerdem hatte ich jetzt auch wieder nicht so unendlich viele Blätter entfernt, da war bestimmt noch was zu machen.

Die nächsten Tage vergingen damit, dass Níkos sich doch immer wieder ausprobierte. Ich wusste nicht, dass in Kókkinos Pírgos schon damals einige Bordelle standen, und dass - wie ich später erfahren sollte - auch in Timbáki der Aufenthalt für mich als Frau im Freien ständig begleitet war von den durchdringenden Blicken der Männer, die sich in den unzähligen Kafenía aufhielten. Ein gemütlicher Stadtbummel war ausgeschlossen, er glich eher einem Spießrutenlaufen. Anscheinend dachte mein Arbeitgeber auch, dass ausländische Frauen Freiwild sind und erwartete von mir selbstverständlich eine Zugabe, dafür, dass ich bei ihm arbeiten durfte, so von Frau zu Mann.

Am darauf folgenden Sonntag - an meinem freien Tag - ging ich zur "Aussie-Bar". Man riet mir zum sofortigen Stellen- und Wohnungswechsel. Auch über die Bezahlung klagte ich, als ich erfuhr, dass Männer um einiges höher entlohnt wurden. Diese Diskrimierung fand ich einfach ungerecht, und ich ereiferte mich wortstark darüber.

Zufällig kam gerade ein Grieche herein, der Männer zum LKW-Beladen suchte. Man nahm mich mit!!! Ich sollte - so wie die Männer - 1000 Drachmen die Stunde bekommen, ein absoluter Spitzenlohn. Also fuhr ich mit einigen wildfremden Kretern, einem Franzosen und einem riesigen Engländer, dem ein Auge fehlte, in der Dunkelheit auf der Ladefläche eines Pickups in die Pampa, wo wir Tomatenkisten in einen LKW stapeln sollten. Die Kreter, die uns erwarteten, trauten ihren Augen nicht. Eine Frau!!! Höflich brachte man mir einen Stuhl, den ich natürlich verächtlich in die Ecke stellte. Ich schnappte mir eine Sackkarre, und auf ging`s. Nach zwei Stunden war die Arbeit erledigt und ich war mächtig stolz, obwohl mir zugegebenermaßen alle Knochen weh taten und meine Arme mittlerweile so lang wie die eines Gorillas waren.

Mein französischer Kollege lud mich ein, mit zu ihm nach Vóri zu fahren. Er bot mir an, bei ihm und einem anderen Landsmann zu wohnen. Zur Zeit waren sie noch zu viert, doch zwei von ihnen würden am darauffolgenden Tag in ihre neue Wohnung ziehen. Ich sagte zu, weil ich unbedingt von Nikos und seinem Treibhaus weg wollte und leider nicht genug Geld hatte, um mir allein einen Raum anzumieten. Hoffentlich geriet ich nicht vom Regen in die Traufe.

Leben in Vóri/Tímbaki