Leben in Vóri/Timbaki
(Winter 1986)



Vóri war ein beschaulicher Ort mit vielen alten Häusern und einer kleinen Platía. Unsere Räume befanden sich oberhalb des alten Ortskerns. Es war nur ein kurzes Stück Weg, von der Platía Richtung Timbáki, dann rechts in einen schmalen Pfad eingebogen, der hügelan führte. Nach ein paar Minuten war man an den beiden Wohneinheiten angekommen. Rechts wohnten wir zu dritt, links wohnten zwei polnische Männer.

Zu den Räumlichkeiten gehörte eine Außentoilette mit heißer Dusche. Das war Luxus! Auf einem kleinen Hof saßen wir bei gutem Wetter, genossen die Dezember-Sonne in Shorts und T-Shirt. Zusammen konnten wir uns die eingerichtete Wohnung leisten, wobei unser dritter Mitbewohner, Maurice, außerhalb eher weniger arbeitete, dafür aber häuslichen Pflichten nachkam.

In Vóri wohnten noch andere Franzosen, die das Klischée der "guten französischen Küche" vollauf bedienten. Wir schmausten oft zusammen. Aus einfachen Zutaten wurden die leckersten Köstlichkeiten gezaubert.

Eines Samstags hatten wir zum Essen eingeladen. Es kamen alle Touristen, die in Vóri wohnten und noch ein paar andere aus den umliegenden Dörfern. Jeder warf ein paar Drachmen in den gemeinsamen Pot. Für das Geld wurden die leckersten Zutaten gekauft, und ein paar Kilo Wein.

Drei französische Freunde übernahmen das Kochen, während wir anderen uns in der Küche um eine lange Tafel quetschten, uns unterhielten und Wein tranken.

Die Zeit schritt voran, es duftete verführerisch. Unsere Mägen fingen an zu knurren. Nun gerieten sich die Köche darüber in die Haare, mit welchen Gewürzen man die Speisen noch mehr veredeln und abrunden könnte. Eine nicht enden wollende Diskussion. Als das Essen schließlich kurz vor Mitternacht auf den Tisch kam, dankten wir den Köchen - und schaufelten die Speisen in einer affenartigen Geschwindigkeit in unsere halb verhungerten Körper.

Später gab es noch ein paar Sangeseinlagen. Eine Frau aus Kanada gab ein paar Holzfällersongs zum Besten, in die wir alle einstimmten. Auch die beiden polnischen Nachbarn, die sonst sehr zurückgezogen lebten, gingen an diesem Abend so richtig aus sich heraus und stimmten polnisches Liedgut an.

Einer der Engländer machte als erster schlapp. Er durfte sich nebenan auf einem der Betten etwas ausruhen. Doch jetzt konnte man sich endlich einmal an ihm rächen. Er war nämlich dafür berühmt und berüchtigt, anderen Menschen im Schlaf die Augenbrauen halb abzurasieren. Und nun erwischte es ihn. HARHAR!

Über diesen Samstag amüsierten wir uns noch lange, es war ein schönes und ereignisreiches Fest gewesen.


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Nach getaner Arbeit saßen wir abends oft im Kafeníon, bis die Müdigkeit uns überfiel, was meist schon früh geschah, da unsere Arbeitsstellen uns einiges abverlangten.

Auch unser Vermieter war meist zugegen und huldigte einem bestimmten Ritual. Er vertrug über den Abend verteilt genau 2,0 randvoll gefüllte, große Gläser mit Rotwein. Danach tauchte seine Frau - eine Sonne von Mensch - auf, hakte ihn ein und brachte ihn nach Hause.
In der Regel war das Timing perfekt. Manchmal dauerte es aber noch ein wenig, so dass noch ein drittes Glas mit Wein auf den Tisch kam. Das war dann des Guten zuviel. Unser Vermieter wurde dann sehr traurig. Manchmal zog er auch eine Schreckschusspistole und schoss ein wenig im Kafeníon herum. Dann musste seine Frau oft alle Überredungskünste aufbieten, um ihn loszueisen.

Eines Nachmittags waren wir auf einen Kaffee bei den beiden eingeladen. Draußen regnete es, und wir hatten es drinnen richtig gemütlich. Dieses Mal jedoch feuerte die Ehefrau lachend und mit viel Schalk in den Augen die Pistole ein ums andere mal ab!


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Endlich hatte ich einen Hauptjob in Timbáki gefunden. Gerhard hatte sich ebenfalls verbessert und eine neue und bessere Unterkunft bezogen.

Früh morgens, bei aufgehender Sonne, gingen wir alle zusammen die paar Kilometer von Vóri nach Timbáki, vorbei an einem leuchtenden Orangenfeld. Gleich daneben bogen reife Oliven die dünnen Äste der kleinen Bäumchen schwer nach unten. Jeder redete jetzt von der bevorstehenden Ernte.

Bei Maria im Hotel, in dem ausschließlich griechische Gäste wohnten, erhielt ich 250 Drachmen die Stunde, was nicht unbedingt eine rasante Lohnsteigerung bedeutete. Doch immerhin konnte ich meiner Arbeit in Ruhe nachgehen.

Als erstes hängte ich die Wäsche auf dem Hoteldach auf und schnupperte die kretische Luft, genoss die Sonne. Immer gönnte ich mir ein paar Minuten hier oben, ließ den Blick über die Dächer schweifen, sog die Alltagsdüfte des Städtchens ein, lauschte den Geräuschen von Mensch, Maschinen und Tier. Besonders an den Freitagen liebte ich es, dem bunten Treiben auf dem Wochenmarkt von meiner erhöhten Position aus zuzusehen.

Danach putzte ich mich durch die familiären Zimmer auf dem Dach, weiter durch die Gästezimmer in den verschiedenen Etagen, bis nach unten in die Küche und den Frühstücksraum, wo ich dann etwas zu essen und meinen Lohn für die fünf Stunden Arbeit bekam.

Besonders beeindruckend fand ich den täglichen Auftritt eines Familienmitglieds in der Küche, den ich stets gut beobachten konnte, da ich um die Mittagszeit meist dort unten zu tun hatte.
Zum Essen setzte er sich an den Küchentisch, auf dem schon alle Speisen bereit gestellt waren. Den Rücken krumm über die Teller gebeugt, schaufelte er das Essen in sich hinein. Ok, offensichtlich hatte er Hunger, und es schien ihm zu schmecken. Dass er meinen Gruß niemals erwiderte bzw. nie auf die Idee gekommen wäre, mich von sich aus zu grüßen, auch damit konnte ich leben.
Doch das, was mich am meisten aus der Fassung brachte, war die Art und Weise, wie er aß. Gab es kleine frittierte Fischchen, so biß er ein Mal hinein und warf den Rest auf den Küchenboden. Brot riss er vom Laib ab, pulte nur das weiße Innere heraus, um die Kruste ebenfalls fallen zu lassen. Olivenkerne wurden auf die Erde gespuckt. Es gab nichts, was jemals zur Gänze aufgegessen oder einfach nur auf dem Teller liegen gelassen wurde. Die Hälfte wanderte auf den Fußboden, wohl wissend, dass ich keine zwei Meter daneben stand und alles wieder sauber machen musste.

Es war widerlich! Wahrscheinlich irgendsoein Neureicher, schoss es mir durch den Kopf. Zu schnell zu reich geworden! Die Messará als Obst- und Gemüsekammer Kretas mit den vielen Treibhäusern und mehreren Ernten im Jahr, einem wohl florierendem Handel, auch ins Ausland (noch vor der Mitgliedschaft in der EU) - all das und das schnelle Geld waren ihm wohl zu Kopf gestiegen. Vielleicht hatte er aber auch bloß keinen Anstand.


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Um meine finanzielle Situation etwas aufzubessern nahm ich einen Zweitjob in einer Gurkenfabrik an. Dort stand ich mit griechischen Frauen am Fließband und wischte - wir trugen ja Gummihandschuhe - das blaue Gift von den kretischen Treibhausgurken herunter. Diese wurden dann eingeschweißt und in Kisten verpackt. Die gerade-gewachsenen für den Export nach Deutschland, die krummen und schiefen für den heimischen Markt.
10 bis 12 Stunden am Tag verrichteten wir diese anstrengende Tätigkeit, für 200 Drachmen die Stunde. Pausen waren Fehlanzeige, ebenso wenig wie geregelte Arbeitszeiten. Wenn wir abends spät die vermeintlich letzte Ladung verarbeitet hatten und uns gerade völlig ermattet auf ein paar Stunden Schlaf freuten, kam noch eine Fuhre, und die nächsten Stunden wurde weiter geschuftet, bis auch die letzte Gurke verarbeitet war.

Das war noch vor Glasnost und Perestroika. Doch auf Kreta arbeiteten damals schon einige polnische Landsleute. Die, die ich kennen lernte, waren auf der Durchreise nach Kanada in eine bessere Zukunft und einige arbeiteten in ebendieser Fabrik. Kisten schleppen und stapeln für ganze 250 Drachmen die Stunde. Mich selbst hielt es dort nur ein paar Tage. So eine elende Plackerei für so wenig Geld, das war mir als Nebenjob dann doch zu viel.

Interessant jedoch zu wissen, unter welchen Bedingungen die kretischen Frauen hier arbeiten mussten. Eine von ihnen hatte mit ihrem Mann eine Weile in Deutschland gelebt, und so konnten wir uns ein wenig unterhalten. Ich fragte sie, wie sie diesen Stress aushielt, und ob sie und ihre Kolleginnen je an Streik gedacht hätten, denn die Arbeitsbedingungen und der Hungerlohn schrieen meiner Meinung nach förmlich nach Aufstand. Doch sie lachte nur und meinte: Nein, an Streik habe bisher keine von ihnen gedacht. Sie bräuchten das Geld, und daher sei jede von ihnen froh, diese Arbeit zu haben. Aber in Deutschland, da sei alles viiiel besser: geregelte Arbeitszeiten, guter Lohn.....Ich fragte sie, warum sie denn nicht dort geblieben sei, doch sie lächelte mich nur traurig an......

Jetzt verstand ich auch, warum die polnischen Männer hier für diesen Hungerlohn arbeiteten. Auch sie waren auf das Geld angewiesen, hatten in Polen nichts sparen können. Die meisten lebten sehr bescheiden, gaben kaum etwas aus. Sie nutzten die Zeit, bis ihr Visum eintreffen würde und hielten jede Drachme für ihr neues Leben zurück, für den Aufbruch in die neue Welt, für Kanada, und die Passage dorthin.


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In Vóri hatte die Hausgemeinschaft gewechselt. Maurice war mit zwei finnischen Mädchen weiter nach Osten gezogen und arbeitete in einem Treibhaus, in dem Blumen gezüchtet wurden. Es ging ihm ganz gut, wie wir hörten, und das freute uns.

Nur wenige Tage nach seinem Auszug hatten wir neue Mitbewohner: Antoine aus Frankreich und Tom, einen Engländer, den Antoine irgendwo unterwegs mit seinem Auto aufgegabelt hatte. Die beiden hatten gemeint, dass man im kretischen Winter ganz gut auch in einem Zelt schlafen könnte, doch mit dem vielen Regen hatten sie nicht gerechnet.
Froh darüber, bei uns Unterschlupf gefunden zu haben, erzählten sie ihre Geschichten. Auch Antoine war, wie so manch anderer, unterwegs nach Israel. Es war damals schwer in Mode, in einem Kibbuz zu arbeiten. Doch vorher wollte er sein älteres Auto verkaufen, einen Diesel. Man sagte ihm, dass er sein Auto wohl kaum loswerden würde, da nur für ganz bestimmte Verbraucher Diesel reserviert war, z.B. für LKWs oder auch Taxifahrer. Ob das stimmte, wer weiß?

So verging also die Zeit. Antoine huldigte, so wie seine Landsleute, den kulinarischen Genüssen, indem er und unser Hauptmieter sich bei der Zubereitung der abendlichen Mahlzeiten förmlich übertrafen, während Tom und ich es uns einfach nur schmecken ließen.

Nach einigen Monaten zogen die beiden nach Kamilári, wo Tom Arbeit gefunden hatte und Antoine sich neue Interessenten für sein Auto versprach. Kamilári liegt - von Vóri aus gesehen - hinter Phaistós, also weit weg für einen Fußgänger, hinter einem Berg, so dass wir uns vorerst nicht mehr sahen. Schade.

Während der Wochen hier auf Kreta hatte ich mich zwar einigermaßen eingewöhnt. Doch Kreta war so anders, überraschend, widersprüchlich.
Außerdem war es schwierig, genügend Geld zusammen zu bekommen, um irgendwie zu überleben. Man war immer abhängig von anderen, gerade in existenziellen Angelegenheiten, und das kannte ich gar nicht. In meinem bisherigen Leben hatte ich für mich selbst gesorgt und für mein Leben auch gerade gestanden. Ich war es nicht gewöhnt, um Hilfe zu bitten und Hilfe von anderen anzunehmen.
Zwar hatte ich mittlerweile in der Olivenernte einen höheren Stundenlohn, doch es reichte nur, um von der Hand in den Mund zu leben. Etwas bei Seite zu legen, um zum Beispiel ein Rückfahr- oder -flugticket nach Deutschland zu kaufen, war schier unmöglich.

Nicht dass ich plötzlich Heimweh nach Deutschland gehabt hätte, doch die ungewohnte finanzielle Situation, das tägliche Buhlen um Arbeit, die Ungewissheit, ob man am nächsten Tag seinen Lebensunterhalt verdienen würde, da bei Regen nicht geerntet wurde, machten mir zu schaffen. Was konnte ich tun?
Zwar halbherzig, aber ohne Ahnung, wie ich es besser machen könnte, beschloss ich, zunächst zurück nach Deutschland zu fahren, um dort Arbeit zu finden. Dieser Entschluss stellte mich nicht zufrieden, denn eigentlich wollte ich ja hier sein. Ich wollte viel mehr von Kreta sehen, doch die Existenznöte waren so drängend, dass ich keinen Blick für das hatte, was Kreta auch ausmachte und sich mir in seiner ganzen Mannigfaltigkeit erst in den darauffolgenden Jahren erschließen sollte.

Der Duft der reifen Orangen, das milde Morgenlicht auf dem Weg zwischen Vóri und Timbáki, die Freundlichkeit der Dorfbewohner, all das hatte ich nur schemenhaft wahrgenommen. In mir war zu wenig Platz für diese Schönheit.

Ich packte also meinen Rucksack mit meinen wenigen Besitztümern, nahm den Bus nach Iráklion und bestieg abends sehr traurig und konfus die Fähre nach Athen, denn ich hatte immer ein klein wenig eiserne Reserve, um zumindest die Insel verlassen zu können. Es war der 23. Dezember 1986, ein Tag vor Heiligabend....

Weihnachten in Athen