Weihnachten in Athen
und die Rückkehr nach Kreta
(1986)



Sehr, sehr traurig und verwirrt darüber, ob ich wirklich die richtige Entscheidung getroffen hatte, stand ich an der Reling einer wegen des bevorstehenden Weihnachtsfestes aus allen Nähten platzenden ANEK-Fähre und sah Iráklion langsam kleiner werden. Schließlich trottete ich betrübt in Richtung Cafeteria, als mich plötzlich jemand am Ärmel zupfte. Da stand doch tatsächlich Maurice vor mir, mit dem ich anfangs zusammen in Vóri gewohnt hatte.

Er und Lisa (eines der finnischen Mädchen, mit denen er vor einigen Wochen nach Ostkreta gezogen war) wollten Weihnachten in Athen verbringen. Sie luden mich ein, sie zu begleiten, doch ich hatte überhaupt kein Geld mehr (Ich hatte tatsächlich vor, von Athen nach Deutschland zu trampen, und das im Winter!! - oh, welch ein Irrsinn!). Ich war auch nicht in der Verfassung, eine Entscheidung zu treffen. Maurice meinte schließlich, er hätte ja auch längere Zeit auf meine Kosten gelebt, und jetzt sei er mal an der Reihe. Ich solle mich als eingeladen betrachten.


"...roadies best place..."

Unser Ziel war das "Anabél", Nähe Omónia. Es handelte sich um einen Ort, der offensichtlich unter den Reisenden mit wenig Geld sehr bekannt war, eine Art Jugendherberge mit größeren Schlafräumen, aber auch 2- bis 4-Bett-Zimmern, nicht luxuriös, aber unglaublich preiswert.
Als wir ankamen, waren schon viele der Gäste in der Bar am Feiern, denn in anderen Teilen der Welt fing Weihnachten ja wegen der Zeitverschiebung schon früher an. So feierten wir denn mit, prosteten, tranken "áspro páto" ("weißer Grund"), auf Ex, amüsierten uns, sangen und tanzten die ganze Nacht hindurch.

Die Herberge war voll belegt. Aus allen Teilen der Welt waren wir dort zusammen gekommen, Staubkörner auf der Suche nach einem kurzzeitigen Landeplatz, bevor der Wind uns wieder in verschiedenste Richtungen davon wehen würde. Und ständig kamen neue Reisende an. Wir alle feierten zusammen ein wirklich fröhliches und langes Weihnachtsfest.

Am Zweiten Weihnachtstag machten Maurice und ich einen Spaziergang in der Umgebung von Omónia. Es war bitterkalt und schneite. Eine wärmende Jacke hatte ich nicht dabei, nur diese dünne Jeansjacke. Ich fror erbärmlich und wunderte mich, wieso es in Athen so kalt sein konnte. Maurice lud mich ein, sein letztes Geld mit ihm zu verprassen.

Abgerissen wie wir aussahen gingen wir in ein piekfeines Café und bestellten "Gállico Kafé". Das war damals der schiere, pure und absolute Luxus. Wie haben wir diese Tasse Bohnenkaffee genossen! Jedes Schlückchen war pures Gold.

Dann gab es die Frage zu klären, wie es mit mir weitergehen sollte. Nach Deutschland wollte ich nun doch nicht mehr, jedenfalls nicht zu diesem Zeitpunkt. Zurück nach Kreta konnte ich nicht, da ich kein Geld für die Fähre besaß. Ich überlegte lange hin und her.
    Maronenverkäufer in Athen am Heiligabend

Es gab für mich nur eine Möglichkeit: Ich musste mir das Geld zusammenleihen. Die Leute, die ich über Weihnachten kennen gelernt hatte, waren alle genauso pleite wie ich. Der Herbergs-Manager, ein jüngerer, sehr ernster Mann, der ein großes Messer unter dem Tresen aufbewahrte, sah nicht so aus, als ob er mir etwas geben würde. Trotzdem beschwor ich ihn eindringlich. Irgendwie muss ich ihn überzeugt haben, er lieh mir exakt das Geld für die Fähre, mir, einem wildfremden Menschen. Überglücklich startete ich zu meinem zweiten Versuch nach Kreta.

Im Hafen von Piräus:  der Blick von unserer Nachtfähre auf die nebenan ankernden Schiffe

In Iráklion angekommen trennten sich unsere Wege wieder, und mein Rucksack und ich zogen wieder allein vom Hafen durch das Bankenviertel, vorbei am Löwen-Brunnen bis zum Chanióporta (Chania-Tor), wo ja meine Bushaltestelle Richtung Süden gewesen wäre, hätte ich das Geld für den Bus gehabt. So ließ ich das Chanióporta rechts liegen und wanderte den ganzen staubigen Weg bis zur Ausfallstraße Richtung Míres. Mein Magen knurrte laut und deutlich, denn seit dem Vortag hatte ich nichts mehr gegessen. Per Autostop sollte es weitergehen, Richtung Süden. Ein genaues Reiseziel hatte ich nicht.
Da standen zwei junge Frauen, eine Irin, und die andere kam aus Frankreich, die ebenfalls in den Süden wollten, nach Assími. Wir unterhielten uns ein wenig, und sie meinten, sie könnten mir sicherlich helfen, mir zumindest mal für eine Nacht ein Dach über dem Kopf und etwas zu essen besorgen.

Viel später hielt ein Pick-Up an, und wir konnten auf der zugigen Ladefläche mitfahren. Es war sehr kalt, wir froren erbärmlich.
In Assími angekommen zeigten mir die beiden Frauen ihr Heim. Wir aßen eine Kleinigkeit und dann begannen wir, eine Unterkunft für die Nacht für mich zu suchen. Bei ihnen konnte ich nicht bleiben, da sie Streit mit ihrem Vermieter hatten. Nach einigem Hin und Her - es war bereits dunkel geworden - durfte ich dann für eine Nacht bei einem Deutschen übernachten, der dort im Dorf mit seiner Freundin in einem Haus wohnte.

Mein Schlafplatz sollte in der großen Küche sein. Man gab mir noch ein paar Polster als Unterlage, was ich sehr dankbar annahm, breitete meinen Schlafsack darauf aus und legte mich hin. Wohl von der zugugen Fahrt war ich mittlerweile richtiggehend erkältet mit Fieber und bekam nicht mehr all zuviel mit. Hauptsache, ich war im Trockenen und mir war warm. Tröstender Schlaf ummantelte mich.

Am nächsten Morgen sah ich auf der Küchenbank einen Mann liegen. Ich fragte mich, wie der dorthin gekommen war und schaute wohl etwas verwirrt, doch er lächelte mich an und stellte sich vor (er käme aus Tansania). Er sah, dass es mir nicht gut ging und kochte erst einmal einen Pott Tee, den er mir zusammen mit einigen Aspirin an den Schlafsack brachte. Oh, welche Wohltat. Noch ein klein wenig Geborgenheit getankt, noch ein wenig die Wärme der Küche genossen und die Freundlichkeit dieses fremden Menschen. Doch ich hatte dem sehr skeptisch dreinschauenden Hausbesitzer am Abend zuvor versprochen, nur für eine Nacht zu bleiben, für die ich ihm sehr dankbar war.
Die Aspirin taten ihr Werk und peppten mich wieder ein wenig auf. Die Sorge wegen meiner Geldlosigkeit trat wieder in den Vordergrund. Ich verabschiedete mich und stand mit meinem Gepäck erneut auf der Straße. Ich brauchte unbedingt noch am selben Tag eine neue Bleibe und zumindest die Aussicht auf Arbeit. Zunächst zog es mich wieder Richtung Vóri....

Olivenernte auf heiligen Hügeln