Olivenernte
auf heiligen Hügeln
(Winter 1987)



Kurz hinter dem Ortsausgang von Assími wurde ich von einigen kretischen Männern in ein Lokal hereingerufen. Dazu hatte ich nun gar keine Lust, doch witterte ich die Chance, vielleicht ohne großen Stress eine Arbeit zu bekommen. Sie schienen, im Gegensatz zu mir, alle blendender Laune zu sein. Hatten sehr viel Zeit. Wollten wissen, woher ich käme und wohin ich ginge. Meine Antwort kam in Form einer Frage: Habt ihr Arbeit für mich? Ja klar, doch ich solle mich erst mal setzen. Es wurde ein Tee für mich bestellt, der erste Zimttee meines Lebens. Hmm, lecker.

Bald fragte mich ein junger, verschlossener Mann, ob ich schon einmal in der Olivenernte gearbeitet hätte. Da ich über einschlägige Berufserfahrung verfügte, erklärte er, dass ich bei seiner Familie arbeiten könne. Er müsse mich aber zuerst zu Hause vorstellen. Wir würden das jetzt tun. Und gleich saß ich in seinem Auto, und er brachte uns im Sauseschritt in gänzlich unbekannte Gefilde, weit und breit keine Ortschaft, weit weg – wie es mir schien – von der Hauptstraße.

Schließlich landeten wir auf seinem Hof. Es muss, wenn ich es richtig rekonstruiere, irgendwo in den Asteroússia-Bergen gewesen sein. Schüchtern stellte er mich seiner Mutter vor, die in der Küche saß und irgendwelche Hülsenfrüchte verlas. Sie beäugte mich kritisch, fragte, ob ich krank sei. Ich bejahte, ich sei erkältet. Weitere kritische Blicke. Daraufhin gestattete sie ihrem Sohn, mir etwas zum Essen zu bringen. Ich fühlte mich nicht besonders wohl. Das Essen nahm ich trotzdem an. Ich bedankte mich dafür und wollte doch lieber wieder zurück zur Hauptstraße gebracht werden. Irgendwie war mir das hier, so weit ab vom Schuss, nicht geheuer. Meinem Wunsch wurde nachgekommen.

So langsam wusste ich jetzt, wo ich hinwollte. Auf jeden Fall wieder in eine Umgebung, die ich schon kannte. Ich hatte das Bedürfnis nach etwas Geborgenheit, zumindest, bis ich kräftemäßig wieder auf dem Damm war. Aus meiner Zeit in Vóri wusste ich, dass Antoine und Tom, die mit uns vorübergehend zusammen gewohnt hatten, weiter nach Kamilári gezogen waren. Ich kannte zwar den Weg dorthin, doch das Dorf war mir bis dahin gänzlich unbekannt.

Wie so oft war es kein Problem, eine Mitfahrgelegenheit zu ergattern. Mein "Chauffeur" brachte mich nach Phaistós. Wenn man den Blick von dort oben schweifen lässt, hat man das Gefühl, ein wenig über den Dingen zu stehen, und ich ahnte, Kamilári wartete mit einem besseren Leben auf mich.

So trabte ich Richtung Agios Ioánnis und bog hinter dem Abzweig nach Agia Triáda rechts in die Olivenfelder ab, vorbei an einem Orangenhain, bis zu einer Schotterpiste. Von dort konnte ich Kamilári schon sehen. Nach kurzer Zeit erreichte ich die ersten Häuser im unteren Dorfteil Mentóchi. Kamilári schmiegt sich ja an einen Hügel, der Ortsteil Mentóchi dagegen liegt am Fuße dieses Hügels, an einem Brunnen.

Die Pension "Pelekános" sah ich zur Rechten. Von der Straße aus konnte ich in den Hof schauen, von wo eine ältere Frau mich auf einen Kaffee einlud. Wir plauderten ein wenig, denn sie sprach ein paar Worte Deutsch. Später stellte sie mir ihre Katzen vor. Der Hof war so schön lauschig, dass ich mich richtig wohl und entspannt fühlte. Tom und Antoine wohnten übrigens neben der Pension in einem von zwei Rentrooms, und das Zimmerchen daneben war noch frei. Per Telefon organisierte meine Gastgeberin, dass ich dieses leere Zimmer beziehen konnte. Später stieg ich auf ihren Rat hin den gerölligen, steilen Weg nach Kamilári hinauf, zur Taverne "Mílonas", wo mir Georgía, die Wirtin, innerhalb kurzer Zeit einen Job ab dem nächsten Tag in der Olivenernte besorgte.

Die sehr lebhafte und wortreiche Georgía und ihr netter, ruhiger Mann haben 4 Söhne, wie die Orgelpfeifen. Jórgos, von uns Georgie genannt und schon damals ein quirliger Bub, war so um die 8 Jahre alt, der nächste, Alékos vielleicht 11, Vangélis war gerade beim Militär, also so um die 18 und fast nie zu Hause, und Manólis, der älteste, half natürlich im Betrieb mit. Es war zwar außerhalb der Saison, aber doch kamen immer mal wieder Nachbarn auf einen Drink. Außerdem gab es einen schönen warmen Bollerofen. Es war richtig heimelig. (Vor kurzem erzählte mir Georgia, dass dieser Winter der einzige war, in dem die Taverne je geöffnet war.)

Mit Antoines Auto unternahmen wir an unseren arbeitsfreien Sonntagen gelegentlich Ausflüge. So sah ich auch Mátala das erste Mal. Es war kalt und windig, der Ort verwaist, angeblich sollte er im Sommer touristisch sehr attraktiv sein. Na ja, dachte ich mir, der absolute Überflieger ist es nicht.

Antoine, der ja nur auf der Durchreise und doch irgendwie ein wenig auf Kreta hängen geblieben war, reiste eines Tages ab. Ich zog ins große Nachbarzimmer zu Tom. So brauchten wir nur die Hälfte des Geldes für die Miete aufzubringen. Wir arbeiteten beide, er auf dem Bau, ich in den Oliven.


***


Meine erste Arbeitsstelle lag in der Nähe von Agia Triáda, dem 3500 Jahre alten minoischen Palast in der Nähe von Phaistós. Den Besitzer der Olivenfelder bekamen wir nie zu Gesicht. Zum Glück besaß er etliche Olivenbaumkulturen, so dass die Ernte einige Wochen in Anspruch nahm, Wochen, in denen ich mir keine Gedanken um neue Arbeitsstellen zu machen brauchte.

Jeden Morgen machte ich mich auf den langen Weg, der stetig bergan führte. Wenn ich an meinem Arbeitsplatz angekommen war, wurde ich mit einer gigantischen Aussicht über die Messará und das Ida-Gebirge belohnt.

Ich war von der Kletterei schon etwas geschafft, doch dann fing die Knochenarbeit erst richtig an. Unsere Arbeitsgruppe bestand aus noch zwei anderen Frauen (einer Schwedin und einer Griechin aus Athen) und gelegentlich einem weiteren Mann (aus Italien), die ebenfalls in Mentóchi wohnten, dort gegenüber der Pension „Pelekános“, in den hinteren alten Steinhäusern.

Drei kretische Männer bedienten diese recht langen, metallenen Stäbe, an deren Spitzen in unregelmäßiger Anordnung biegsame, schmale Plastikflitschen herausschauten. Die Stäbe waren am unteren Ende über längere Kabel mit einem Benzinmotor verbunden, der die Spitze mit den Plastikriemen zum Rotieren brachte. Hielt man nun diese Spitze in das Olivenbaumgeäst, so regnete es Oliven, Blätter und kleine Zweige herunter.

Wir Frauen hatten riesige (schon schwer mit Olivenöl getränkte) Planen derart unter und zwischen den Bäumen zu drapieren, dass keine Olive verloren ging. Manchmal war es sehr windig oder das Feld lag an einem Hang, dann mussten wir mit schweren Steinen und großen Ästen die Seiten und Ecken der Planen beschweren, damit sie sich nicht verselbständigten. Wenn dann einige Bäume abgeerntet waren, schlugen wir die Planen ein und sammelten so das Erntegut in der Mitte. Per Hand wurde alles in große Körbe geschaufelt und zu einem "Rüttler" gebracht, einer Art schrägem Tisch, der von einem Gitter überdacht war und an einer Seite eine Schütte hatte. Der Inhalt der Körbe wurde unter ordentlichem Rütteln der Vorrichtung oben auf das Gitter geschüttet. Die Oliven fielen durch und gelangten über die Schütte in den darunter aufgespannten Sack. Der Rest aus Zweigen und Blättern blieb auf dem Gitter liegen. Ein voller Sack wog ca. 40 Kilo, und wir produzierten etliche davon pro Tag, die abends auf den Pickup geladen und zur nächsten Olivenölfabrik kutschiert wurden.


Außerdem wurden gleichzeitig die Olivenbäume beschnitten. Wir Frauen suchten uns einen ordentlichen Prügel und mussten von den abgeschnittenen Ästen die restlichen Oliven herunterschlagen. Alles musste zügig erledigt werden, damit kein Leerlauf entstand. Táka Táka!! Die Arbeit mit den Holzknüppeln bescherte mir eine ganze Reihe dicker Blasen auf der rechten Handinnenseite, die im Laufe der Wochen und Monate zu Schwielen heranwuchsen. Vergessen werde ich niemals den erdig-feuchten Geruch der Oliven und das Gefühl, eine vom Fett satt getränkte Arbeitshose allmorgendlich anzuziehen, noch klamm und kalt.

Auch meine Schuhe werden mir in Erinnerung bleiben. Es waren weiß-rote Turnschuhe, die einzigen, die ich aus Deutschland mitgebracht hatte. Schon arg strapaziert hatte der linke Schuh bereits ein Loch unter der Sohle, durch das Feuchtigkeit und Nässe einzogen. In jenem Winter regnete es sehr oft, so dass die Felder permanent nass waren. Zwar wurde an einem Regentag nicht gearbeitet, doch die Erde speicherte die Feuchtigkeit noch länger. Das bedeutete, dass ich meist mit einem linken nassen Fuß arbeiten musste, ich gewöhnte mich im Laufe des Winters etwas daran.
Doch, ich weiß jetzt, wie es ist, wenn man sich einfach keine neuen Schuhe leisten kann. Wie viele Menschen auf der Erde leben in so großer Armut, dass sie sich niemals in einem Geschäft ein paar gute Schuhe kaufen können. Menschen, die nicht wie ich die Wahl haben, wieder in eine relative Sicherheit, nach Deutschland, zurückzukehren. Menschen, für die ein solches Leben kein Experiment darstellt, sondern Alltag, dem sie wahrscheinlich niemals entkommen werden. Mir ist damals klar geworden, was für ein Privileg es ist, einen deutschen Pass zu besitzen.


***


Um die Mittagszeit erhielten wir ein wenig zu essen (Oliven, Tomaten, Paximádi, Feta...). Zu trinken gab es köstliches, kühles Wasser aus einem Fass.

Wir sieben verstanden uns prächtig. Auch wenn die Arbeit sehr hart war, so hatten wir doch zwischendurch immer unseren Spaß. Als es im Februar richtig kalt wurde, machten wir auch schon mal morgens um 8 Uhr ein Feuerchen, um uns zu wärmen.

Unser Aufseher war ein sanftmütiger und freundlicher Mann. Samstags fuhr er immer nach Míres, um unseren Wochenlohn abzuholen (pro 8-Std.-Tag gab es 2.500 Drs. – ca. 20 DM). Also waren wir Arbeiter in dieser Zeit allein. Manchmal machten wir uns dann ein paar nette Stunden.

Eines Tages, es war mal wieder Samstag Vormittag, entschlossen wir uns zu einem kleinen Ausflug. Mittlerweile arbeiteten wir auf einem Feld in der Nähe von Vóri. Einer der Kreter wollte mit seinem dreirädrigen Mini-Traktor-Knatterteil auf eine Weile dorthin ins Dorf. Wir Frauen hockten uns hinten auf die Ladefläche, und er vorne als Chauffeur brachte uns im Sauseschritt nach Vóri. Die anderen beiden Männer blieben zurück. Wir begaben uns sogleich zum zentralen Kafeníon. Dort gab es Kuchen und Alkohol. Wir Frauen ließen uns den Kuchen munden, während unser Fahrer dem Alkohol außerordentlich reichlich zusprach.

Auf der Rückfahrt erst merkten wir, dass er ziemlich betrunken war. Wieder auf dem Olivenfeld angekommen, flippte er nun vollends aus, fuhr mit Vollgas zwischen den Bäumen herum, verlor jedoch die Kontrolle über den Lenker, weil er halb aus seiner Kutsche heraushing. Mit Entsetzen in den Augen sprangen wir ab! Er schaffte es nicht mehr, seinen Gleichgewichtssinn zu aktivieren und sich aufzurichten. Immer im Kreis, rund um einen Baum ging die Fahrt, bis ein anderer Kollege sich todesmutig auf das Gefährt warf und es einfing. Der betrunkene Kreter musste sich daraufhin viele Vorwürfe anhören, doch er glitt unter den nächsten Baum und schnarchte alsbald selig vor sich hin.

Als unser Aufseher zurückkam, war er doch sehr verwundert, aber was sollte er schon tun? Unser alkoholisierte Kollege wurde nach Arbeitsende nach Hause gebracht, und zwei Tage später war er wieder bei der Arbeit, als ob nichts geschehen wäre.

Der Retter in der Not, der sich auf das herrenlose Gefährt gestürzt hatte, kam aus Kamilári. Ein sehr ruhiger Mann, groß und kräftig, ein dunkler Typ, der kein Wort zuviel sprach. Noch ziemlich zu Beginn meiner Tätigkeit als Olivenerntehelferin fragte ich ihn, ob er uns Frauen denn mit seinem Mini-Traktor mit zur Arbeit nehmen und auch wieder zurückbringen könnte. Ich bekam keine Antwort. Doch am nächsten Morgen wartete er hupenderweise auf der Straße vor unserem Häuschen, und wir Mädels hatten fortan eine Mitfahrgelegenheit. Die Sitzfläche hinten war ungepolstert und sehr hart. Er liebte es, durch Pfützen und mit Vollgas über Stock und Stein zu fahren. Auf der Rückfahrt nach Hause sang er dabei meistens noch aus vollem Halse. Dann fühlte ich mich frei und ein bisschen wie auf einem Karussell.

Abends traf ich meinen Mitbewohner Tom im Haus. Er hatte immer schon vor mir frei. Der Winter war kühl, und durch die Nähe des Brunnens war es auch recht feucht in unserem Zimmer. Doch die Abendsonne genossen wir meist im Hof sitzend. Goldenes, friedliches Licht. Wir schauten den älteren Frauen zu, die ihre Ziegen von der Wiese holten und diese dann am Brunnen tränkten, und überlegten, welche Köstlichkeiten wir gleich zum Essen zubereiten könnten.......

1986 ...
...und 20 Jahre später

Dorfleben in Kamilári