Ostern und
Abschied von Kreta

(1987)



Nach der Fastenzeit, die von den Frauen, insbesondere den älteren, strikt eingehalten worden war, lechzte man nach vernünftiger, sättigender und wohlschmeckender Nahrung. Lämmer wurden geschlachtet und für die Grillparty der Osternacht vorbereitet. Den ganzen Samstag über hatten die Jugendlichen aus dem Dorf Baumstämme und Äste herangekarrt und neben der Kirche zu einem Scheiterhaufen aufgeschichtet, um später ein zünftiges Osterfeuer zu entfachen. Man putzte sich heraus und stimmte sich auf den Gottesdienst am Abend ein. Spannung lag in der Luft.

Die Kirche war erwartungsgemäß sehr gut gefüllt. Die Türen blieben die ganze Zeit über offen, und es herrschte ein ständiges Kommen und Gehen. Kinder spielten auf dem Boden. Der Pfarrer intonierte die Liturgie. Es verstrich eine lange Zeit, mehrere Stunden, die die Gläubigen in der Kirche verbrachten. Kurz vor Mitternacht kam dann Bewegung in die Menschenmenge. Die Lichter wurden gelöscht und dann die EINE große Osterkerze entzündet. Das Licht wurde weiter gegeben an alle Gläubigen. Mit den brennenden Kerzen fand eine Prozession rund um die Kirche statt, um anschließend das Osterlicht wohl behütet nach Hause zu bringen.

Nach der Zeremonie, wurde das Fest mit vielen lauten Böllern eröffnet und das Feuer entzündet. Dabei war mir etwas mulmig zumute, weil das aufgeschichtete Holz hoch aufgetürmt und so nah bei der Kirche war, dass die aufschießenden Flammen durchaus die Kirche hätten erfassen konnten, was aber nicht passierte. Die zuvor geschlachteten Lämmer fanden ihre Bestimmung über offenem Feuer. Der Wein floss in Strömen. Musik ertönte.

Alle aßen, tranken und feierten nach Leibeskräften zusammen. Ich habe noch eine lebendige Erinnerung daran, wie wir zusammen in einem Reigen um das Feuer tanzten. Das ausgelassene Fest dauerte bis zum frühen Morgen.

An Ostersonntag waren wir bei unserer lieben Nachbarin eingeladen. Wir machten uns erst mal schick, d.h. ich zog eine von Sinas Hosen an, sie selbst kämmte sich die Rasta-Zöpfe glatt und Tom, der neben seiner Ski-Ausrüstung und einem großen Schirm noch ein knallrotes Hemd und einen weißen Leder-Schlips dabei hatte, schmückte sich mit ebendiesen beiden Kleidungsstücke. So machten wir uns auf zu einem Osterbesuch bei unserer Nachbarin. Ihre Schwester war von weiter her zu Besuch gekommen. Gleich gab es rot gefärbte Eier für jeden, um das Zeremoniell des Eier-Gegeneinander-Schlagens-Bis-Mindestens-Eins-Zerbricht zu vollführen, wobei sich die Nachbarin königlich freute, denn sie gewann fast immer.


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Wir durchlebten sehr glückliche Frühlings- und Feiertage. Am Wochenende verbrachte wir gerne mal einen Tag in Kalamáki. Die staubige Schotterpiste führte in eine Wüste aus unzähligen Betonskeletten. Es gab einfach nur den Sandstrand mit einigen Tavernen und wenigen fertig gebauten Pensionen und kleinen Hotels, am Platz noch eine Disko, in der wir manchmal Abwechslung suchten.

Natürlich war unser Hund überall dabei. Er konnte etwas ganz besonderes: Wenn man ihn anschaute und "huuhuu" rief, so hob er den Kopf und fing an, wie ein Wolf zu heulen. "Huuuuhuuu, huuuuuuuhuuuuu, huuuuuuuhuuuuuuu", voller Inbrunst. Einmal waren wir in dieser Disko in Kalamáki und sie spielten das alte Lied "Child in Time". An einer bestimmten Stelle singt der Frontman etwas, das sich wie huuhuu anhört, und prompt sang unser Hund, der gerade mitten auf der Tanzfläche saß, zur Erheiterung aller lauthals mit.

An einem anderen Abend besuchten wir Manóli`s Bar in Kamilári. Sie befand sich schräg gegenüber der Kirche, an dem Weg, der von der Platía in Richtung Christina`s Shop abzweigt.
Auch er kannte die Fähigkeit unseres Hundes, war aber weniger begeistert. Er wollte doch für die Urlauber, die jetzt scharenweise zu Besuch kamen, alles ganz ordentlich haben, und da passten wir irgendwie nicht rein. Allerdings konnte er uns gut leiden, weil wir für einen Spaß immer gut waren. Als der große schwarze Hund an diesem Abend mal wieder sein huuhuu erklingen ließ, rastete Manólis aus. Mit großen energischen Schritten kam er zu unserem Tisch und schrie uns an: "I told you, DON`T MAKE HUUHUU !!!!" Der ganze Laden bog sich vor Lachen. Seither war dieser Satz ein geflügelter Ausdruck bei uns. Auch heute, wenn ich Manólis sehe, muss ich immer wieder an diese Geschichte denken, und wir lachen herzlich darüber.


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An einem dieser Tage erhielt ich einen Brief aus Deutschland, in dem mich mein Mitbewohner in der dortigen Wohngemeinschaft wieder zurückbeorderte. Er war ziemlich sauer darüber, dass ich so lange wegblieb. Ich hatte auch schon ein schlechtes Gewissen. Doch ausschlaggebend für meinen Entschluss, langsam an die Heimreise zu denken, war die Tatsache, dass ich finanziell einfach kein Land sah, so sehr ich mich auch bemühte. Und die Zukunft versprach auch nicht, meinen Status zu verbessern. Vielleicht war es doch besser, für eine Weile in Deutschland zu arbeiten.

Also rief ich einen Freund an und bat ihn, mir 400 DM für die Rückfahrt zu leihen. Er wollte mir das Geld per Postanweisung schicken. Nach zwei Wochen wurden mir per Postanweisung 200 Mark zugestellt. Ich wunderte mich etwas, und fragte mich, was ich nun mit dem Geld anfangen sollte, denn für die Heimreise reichte es nicht. Nach längerer Überlegung wertete ich es als Zeichen, meinen Aufenthalt noch etwas zu verlängern, denn so gerne wollte ich immer noch nicht zurück. Also machten wir uns ein paar schöne Tage mit dem Geld. Gerade als es zur Neige ging, trafen die zweiten 200 Mark ein. Tja, was nun?

Wir beschlossen, dass es das beste sei, mir, wenn möglich, eine kostenlose Mitfahrgelegenheit zu besorgen. Ein paar Tage später, als ich von der Arbeit kam, erzählte Sina mir, dass sie ein Auto samt zwei Chauffeuren für mich organisiert habe. Ich hatte genügend Geld für mein Fährenticket und darüber hinaus noch 50 DM für die Reise. Wir wollten uns an einem bestimmten Tag, dem 27. April auf der ANEK-Abend-Fähre treffen. Dieser Teil sollte also klargehen.


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Mein so langer und ungeplanter Aufenthalt auf Kreta fand seinen berauschend schönen Abschluss am 26. April 1987. Für jenen Tag war anlässlich des ersten Tschernobyl-Jahrestages eine Musikveranstaltung auf der Kuppe eines Hügels bei Kamilári organisiert worden. Ein Musiker aus einem Bergdorf sollte ein Konzert geben, er spielte die Lýra.
Dazu tanzte eine Gruppe Jugendlicher in langen wallenden Gewändern. Der Lýraspieler schaute ziemlich grimmig, lachte die ganze Zeit über nicht ein Mal, die Musik war seine Welt, er war konzentriert. Auch er hatte sich eines dieser Gewänder angezogen.
Es war kein Geringerer als Psarantónis himself, der der Einladung von Fritz aus Agia Fótia, dem Organisator des Events, hierher gefolgt war.

Von diesem Hügel über Kamilári konnte man die Schönheit Kretas an diesem lieblich-warmen Frühlingstag bewundern: Der Kontrast von Meer und Hochgebirge, sanfte Hügel und grüne Wiesen, duftender Thymian, vereinzelt noch Wiesenblumen, den blauen Himmel und die warme Sonne. Zahlreiche Menschen waren zusammen gekommen, um dieses Ereignis in Frieden zu genießen. Auch das Datum war gut gewählt, um sich vor Augen zu führen, wie zerbrechlich die Schönheit auch auf diesem Fleckchen Erde ist.


Am nächsten Tag packte ich meine kleine Habe zusammen, und meine Freunde begleiteten mich nachmittags nach Phaistós, von wo ich den Bus nach Míres und anschließend nach Iráklion nehmen wollte. Endlich wieder einmal Bus fahren, ein Luxus, den ich mir die ganze Zeit über ja nicht hatte leisten können. Mein Aufenthalt auf Kreta neigte sich dem Ende zu. Ich war ein wenig traurig, doch nicht so sehr. Dieses Mal fuhr ich in der Gewissheit, etwas abgeschlossen zu haben, satt geworden zu sein.... für`s Erste, und ich wusste, ich würde auf jeden Fall wieder zurück kommen.
Rückkehr nach Deutschland