Von Natchez über Afton Villa Gardens zum Atchafalaya Basin


Für die vor uns liegende Strecke von etwa 230 Kilometern sollten wir heute Morgen nicht so viel Zeit verlieren, denn am späten Nachmittag haben wir in der Nähe unseres Zielortes noch einen Termin. Auf dem Programm steht nämlich eine Fahrt mit einem Boot durch ein Sumpfgebiet am Lake Martin im Atchafalaya Becken, in Louisiana. Also müssen wir am Morgen etwas Gas geben, zumal wir uns vor der Abfahrt noch ein paar Straßenzüge in Natchez anschauen und auch auf der Fahrt nicht einfach so durchbrettern wollen.
Beim Frühstück setzt sich die Geschäftsmäßigkeit fort, mit der wir gestern in der Unterkunft empfangen worden waren. Erstmalig auf unserer Reise wird kein Buffet angeboten, sondern Frühstück à la Carte. Über das Angebot bin ich zunächst entzückt. Doch gleich wird mir dieser Zahn schon wieder gezogen, denn die Lady, die auf die Bestellung wartet, teilt uns unumwunden mit, was wir alles NICHT bestellen können. Übrig bleibt für mich dann der Kaffee. Sowohl die Frühstücksauswahl, das Zimmer als auch der distanzierte Umgang mit uns stehen in keinem Vergleich zu unseren positiv nachklingenden Erfahrungen am gestrigen Tag auf der Canemount Plantation. Ohne Bedauern sind unsere Koffer daher wieder gepackt. Doch bevor wir auschecken, möchten wir noch einen kleinen Rundgang in unserem Viertel machen.


Historischer Teil von Natchez On-Top-of-the-Hill
Der nächtliche Regen ist am Morgen wie weggeblasen. Stattdessen knallt die Sonne heiß herab und lässt uns schwitzen, als wir die Straßenzüge mit den herrschaftlichen Häusern in Natchez am frühen Vormittag erkunden: herausgeputzte, gepflegte Anwesen und viele kleine, schattige, blumige Ecken unter alten, hohen Bäumen. Im Prinzip bewegen wir uns in einem schmalen Karree, eingerahmt von der Commerce, der Pearl, der Franklin und der State Street. Dieser kleine Bereich birgt so manches Schätzchen.






Die Geschichte von Natchez beginnt nicht erst mit der Baumwollindustrie und der Dampfschifffahrt im 19. Jahrhundert, auch nicht 1716 bei der Gründung einer Festung an diesem Ort, sondern schon viel früher, als indigene Einwohnern die Umgebung zu nutzen wussten. Die gute Lage hoch über dem großen Fluss haben sie sicherlich zu schätzen gewusst, spätestens wenn wieder einmal Hochwasser war. Bedeutende Heiligtümer wie der Emerald Mound am Natchez Trace und mehrere andere dieser Art in der Nähe von Natchez zeugen von dieser Zeit.
Mit der europäischen Einwanderung und der Deportation von Afrikanern in dieser Gebiet änderten sich die Gegebenheiten: Indigene Bewohner mussten diese Seite des Mississippi verlassen, die Afrikaner waren von Beginn an versklavt. Nutznießer der besten Stadtlage am südlichen Mississippi waren die eingewanderten Europäer: zuerst die Franzosen (die diese Festung 1716 errichtet hatten), die Briten ab 1763, dann ab 1779 für 10 Jahre die Spanier.
Die Zeit von King Cotton erlaubte es den hier lebenden Landbesitzern, sich mit schlossähnlichen Prunkbauten Denkmäler zu errichten. An diesen Gebäuden lässt sich auch heute noch gut ablesen, wie wohlhabend die Menschen - auf dem Rücken der afrikanischen Sklaven - geworden waren. Und diesen immer weiter prosperierenden Wohlstand, wollte man sich unter keinen Umständen wegnehmen lassen.
Der in Stuttgart geborene und in Natchez lebende Greg Iles begründet den anhaltenden Reichtum der Stadt in seinem Roman Natchez Burning wie folgt:

„Die Baumwollbarone des 19. Jahrhunderts – die ‚Nabobs von Natchez‘ – hatten den größten Teil ihrer Ernten auf der Louisiana-Seite des Flusses angebaut, aber selbst auf der Klippe in Natchez in Palästen gelebt, die jeden Sultan neidisch gemacht hätten (...) Der Sezessionskrieg hatte den Nabobs einen gehörigen Dämpfer versetzt, ihnen aber nicht das Genick gebrochen, denn die Stadt hatte sich ohne Schusswechsel ergeben, war Shermans Zorn entgangen und unversehrt geblieben.“
(s. Literaturliste, Greg Iles, Seite 124)

Die Historic Natchez Foundation in der Commerce Street widmet sich seit 1974 insbesondere der Finanzierung des Erhalts der historischen Gebäude von Natchez und die Verbreitung der Geschichte, „die Natchez zu dem gemacht hat, was es heute ist.“


Natchez wirbt im Tourismus mit diesen gepflegten, hübsch hergerichteten, historischen Gebäuden, die von Reichtum und Macht künden. Manche sind zu B&Bs umgebaut, andere können besichtigt, wiederum andere von außen hinter einem Zaun bewundert werden.
Sowohl staatliche als auch private Gebäude sollten etwas Besonderes darstellen und wurden dem damals beliebten Greek Revival Style, dem französischen (Empire-) oder anderen europäischen Architektureinflüssen nachempfunden. So sind Villen, ja wahre Paläste mit prunkvollen Säulen und Aufgängen, verschnörkelten Ornamenten und Details entstanden. Ganz billig wird es nicht sein, die Gebäude alle derart in Schuss zu halten. Einige sind auch in das National Register of Historic Places eingetragen. Die Magnolia Hall (1858 für den Baumwollhändler und Kaufmann Thomas Henderson erbaut) ist eines der berühmtesten Gebäude der Stadt und kann auch besichtigt werden. Etwa eine Stunde lang bummeln wir durch die Straßenzüge und lassen den Charme der Gebäude auf uns wirken, teils mit Bewunderung für den Glanz vergangener und gegenwärtiger Zeiten, teils mit einem etwas zwiespältigen Gefühl im Wissen, auf wessen Kosten diese entstanden sind.


Glen Auburn (1875 für den Händler Christian Schwartz erbaut)


Bailey House (1897) mit bunten Glasfenstern


Pleasant Hill (1811), heute ein Bed and Breakfast

Viele andere, etwas kleinere, jedoch nicht minder repräsentable Wohn- und Geschäftshäuser säumen neben den herausragenden Prachtvillen die Straßen, sodass es ständig etwas anderes zu bestaunen gibt. Jedes der Gebäude hat wohl seine eigene, lange Geschichte zu erzählen.










Die öffentliche Judge George W. Armstrong Library existiert ebenfalls seit Ende des 19. Jahrhunderts. Zu der Zeit war sie eine von nur drei Büchereien im ganzen Staat Mississippi.


Auf der Eingangsseite der Internetpäsenz der Stadt erklärt der Bürgermeister unter anderem die Gestaltung des Stadtwappens. Er bezieht sich dabei auf die Vielfalt in der Abstammung der Stadtbewohner, auf Erneuerung und Hoffnung: “We pay tribute to all who have come before us – the native Natchez’ from whom we derive our name, the French who settled here in 1716, the English, the Spanish, the American, and yes – the African.” (Wir zollen allen, die vor uns hier waren, Tribut, den indigenen ‚Natchez‘, von denen wir unseren Namen übernommen haben, den Franzosen, die sich 1716 hier niederließen, den Engländern, Spaniern, den Amerikanern und ja - den Afrikanern.)



Was wir noch in Natchez tun könnten, wenn wir mehr Tage eingeplant hätten
Bei der Planung unserer Reise hatten wir eigentlich zwei Tage für Natchez vorgesehen, den Aufenthalt dann aber zugunsten eines weiteren Besichtigungspunktes auf unserer Tour verkürzt. Insgesamt hing auch alles von den Flügen von New Orleans nach Boston ein paar Tage später und schließlich zurück nach Frankfurt ab. Wir mussten uns einfach entscheiden.
Tatsächlich gibt es hier so viel zu sehen, dass man dafür gut und gerne ein paar Tage mehr einplanen könnte. Ich würde bei einem etwas längeren Aufenthalt mit Vorliebe tiefer in die Stadtgeschichte eintauchen. Beispielsweise fände ich einen Besuch im Natchez Museum of African American History and Culture sehr interessant.


Wenn nicht hier, wo dann, trat die große Diskrepanz zwischen europäisch- und afrikanisch-stämmiger Bevölkerung zu Tage, die Auswirkungen der Sklaverei und der Wille zum Machterhalt um jeden Preis („Ku Klux Klan“, „Silver Dollar Group“). Doch nicht nur die Darstellung jener Zeit, sondern auch deren Aufarbeitung fände ich sehr spannend, und wie diese sich heute auswirkt.
Mich würde auch die Geschichte der indigenen Bevölkerung interessieren, von der wir auf unserer bisherigen Reise so wenig mitbekommen haben. Im südöstlichen Ausläufer der Stadt kann man das Grand Village of the Natchez Indians besuchen, wo auf einem riesigen Gelände ein Museum, ein nachkonstruiertes Haus und prähistorische (heilige) Hügel besichtigt werden können.
Und wenn man dann doch die prunkvollen Villen und Herrschaftshäuser aus der Baumwollzeit von innen besichtigen wollte, könnte man das im Rahmen einer sogenannten Natchez Pilgrimage Tour tun: Pilgern in dem zur Schau gestellten Reichtum.
Vom Bluff Park, an dem wir am Vorabend schon waren, führt eine Holztreppe hinab zum Mississippi-Ufer. Von dort könnte man im warmen Vorabendlicht, mit der Sonne auf der anderen Seite des großen Flusses im Blick, zum ehemaligen Hafengelände schlendern. In einem der Lokale in Natchez Under-the-Hill ließe sich bei einer ausschweifenden Mississippi-Betrachtung trefflich über die Vergangenheit des Ortes sinnieren. Doch aus all dem wird nichts. Wir sind zwar (noch) nicht in Eile, müssten aber jetzt doch mal loskommen. Uns erwarten heute ja noch weitere Sahneschnittchen.


Nach Louisiana
Als wir uns um die Mittagszeit wieder auf den Highway 61 nach Süden aufmachen, erkennen wir, dass sich auch die Außenbezirke von Natchez sehen lassen können. Keine Trailer-Parks, keine abgewrackte Holzhütten oder Barracken, kein Unrat. Irgendwie scheint es zumindest auf dieser Strecke allen finanziell recht gutzugehen, so zumindest der äußere Eindruck.
Dieselbe Eintönigkeit, die wir schon die Tage vorher auf dem Highway 61 empfunden haben, setzt sich ab Natchez weiterhin fort. Wie schon seit Nashville liegen auch in diesem Abschnitt wieder tote Hirsche am Straßenrand, die von schwarzen Geiern ausgeweidet werden. Endlos und ansonsten abwechslungsarm fahren wir immer weiter geradeaus.
Nachdem wir Woodville im Wilkinson County passiert haben, erreichen wir schnell die unsichtbare Grenze zwischen Mississippi und Louisiana, nur markiert durch ein Schild mit einem Willkommensgruß. Augenblicklich wechselt die holprige, geflickte Fahrbahndecke in eine glatte Oberfläche. Doch die Eintönigkeit des Highway 61 bleibt dieselbe.


Zwar wechseln sich Felder auch mal mit Bäumen ab, doch die Landschaft ist ebenso anheimelnd wie die Umgebung einer deutschen Autobahn, nur mit sehr wenig Verkehr. Irgendwann brauchen wir davon mal eine Pause.


Afton Villa Gardens
Hinter St. Francisville suchen wir einen Schattenplatz neben der Straße und geraten dabei zufällig auf den Zufahrtsweg der Afton Villa Gardens, von denen wir noch nie gehört haben. Als wir aus dem Auto aussteigen, staunen wir nicht schlecht über eine großartige, einladende Lebenseichen-Allee.


Ein paar Meter entfernt steht ein unscheinbarer Transporter, wo man für eine weitere Besichtigung ein Ticket für 5 USD erwerben kann. Zusätzlich gibt es ein Info-Faltblatt, das uns darüber informiert, dass wir uns auf einer ehemaligen Plantage befinden. Das darauf errichtete Wohnhaus war zunächst ein einfaches zweistöckiges Gebäude und wurde im Laufe der Zeit zu einer 40-Zimmer-Villa ausgebaut. Der Eigentümer war einer der wohlhabendsten Baumwoll-Barone der Region. Der Reichtum der Familie Barrow war unermesslich - nach heutigem Maß war er ein Multimilliardär. Nach seinem Tod 1874 wurde er neben seiner ersten Frau und den Kindern auf dem Familienfriedhof bestattet.
Von der Villa ist heute nichts mehr übrig, denn 1963 brannte sie bei einem großen Feuer bis auf die Grundmauern ab. Danach blieben die Überreste sich selbst überlassen.
Die jetzige Besitzerin und ihr verstorbener Ehemann hatten es sich ab 1972 zur Aufgabe gemacht, in dem Berg von Schutt und überwucherter Landschaft zumindest die Gärten, die schon 1849 angelegt worden waren, wieder zum Leben zu erwecken. Die noch vorhandenen Gebäudereste sollten in die so entstehende Parklandschaft integriert werden. Das müssen wir uns unbedingt anschauen.
Schon der Eingang zur Allee liegt sehr idyllisch: ein größerer Teich mit einer Brunnenanlage in der Mitte, umgeben von hohen Bäumen, und eine Art Torhäuschen mit gotischem Spitzbogen, laden förmlich zu einem Besuch ein.




Das lassen wir jedoch bald hinter uns und fahren unter dem Dach der sich treffenden Äste der Lebenseichen hindurch. Zu anderen Jahreszeiten blühen die Sträucher am Wegesrand noch zusätzlich in roter Farbe.


Nach ein paar hundert Metern erreicht man einen kleinen Parkplatz. Nur ein weiterer PKW ist hier abgestellt. Später wechseln wir ein paar Worte mit dem älteren amerikanischen Ehepaar, das die Gegend ebenfalls besucht.
Diese Statuen gehören zu einer Gruppe von insgesamt vier, die von den aktuellen Besitzern eigens aus Vicenza in Italien hierher geholt wurden. Die Reihe, in der sie stehen, markiert eine Seite der alten Villa. An anderen Seiten sind teilweise noch Mauerreste vorhanden, die dem Besucher die Ausdehnung des Hauses vor Augen führen.


Vor uns öffnet sich eine angelegte Gartenlandschaft mit einer unglaublichen Pflanzenpracht, alles professionell und wunderschön im Detail arrangiert. Verschnörkelte Sitzgelegenheiten und steinerne Blumenkübel ergänzen und beleben die übrig gebliebenen Reste des ehemaligen Hauses.















Auch ein Heckenlabyrinth darf natürlich nicht fehlen, erinnert es doch an die Park- und Gartenanlagen europäischer Schlösser.




Während wir so über das Gelände streifen, begegnen wir einem Gärtner, der sich um all das hier kümmert. Von ihm erhalten wir bereitwillig jede Menge Informationen über das Anwesen. Als ich vor einem Blumenbeet stehe, klärt er mich auch darüber auf, dass dort eine große freundliche Kingsnake lebt, die niemandem etwas tut. Unwillkürlich trete ich zwei Meter zurück. (Wir kennen das ja: Der macht nix!) Des Weiteren gäbe es auch eine sehr nette Cornsnake, die sich hier eingenistet hat. Beide verspeisen Klapperschlangen und Ratten, und so sei es immer gut, jene beiden Schlangenarten in der Nähe von Behausungen zu haben.
Auch das zischende Geräusch, das ich beim Näherkommen aus dem großen Gebüsch am Eingang zur Allee vernommen habe, sei auf eine Schlange zurückzuführen, wahrscheinlich eine Klapperschlange. Außer diesen Giftschlangen gäbe es hier auch noch andere, denen man besser aus dem Weg gehen sollte. Daher auch von ihm der Rat, immer zu schauen, wo man hintritt. Ich lerne noch eine weitere Faustregel: runder Kopf = eher ungefährlich für den Menschen, flacher oder spitzer Kopf = lieber meiden. Später lese ich, dass sowohl die Königsnatter als auch die Kornnatter für den Menschen tatsächlich keinerlei Bedrohung darstellen, dafür aber wunderschön gemustert sind.

Nach diesem unerwarteten und nicht eingeplanten Streifzug voller Bewunderung für die Schönheit des Gartens fahren wir schließlich weiter. Wahrscheinlich werden wir es zeitlich mit Hängen und Würgen so zu unserer Bootstour schaffen.


Baton Rouge
Die Hauptstadt Louisianas ist die letzte Stadt vor New Orleans. Wenn man die schnellste Verbindung über eine Interstate 10 wählen würde, wären es nur noch etwa 130 Kilometer. Doch nicht für uns, denn ab hier zweigen wir in die entgegengesetzte Richtung ab ins Atchafalaya Basin, zum Lake Martin.

Baton Rouge kenne ich seit meiner Jugendzeit aus einer Liedzeile. Den gesamten Songtext über das Gefühl der Freiheit während des Reisens fand ich schon damals sehr inspirierend. Auch der franzöische Name der Stadt mitten in den USA klang für meine Ohren exotisch und anziehend. Das Lied stammt von Kris Kristoffersen und wurde in der Interpretation von Janis Joplin weltberühmt: Me and Bobby McGee

Busted flat in Baton Rouge, waitin' for a train
When I's feelin' near as faded as my jeans
Bobby thumbed a diesel down just before it rained
And rode us all the way into New Orleans (...)
Freedom is just another word for nothing left to loose ...
Abgewrackt in Baton Rouge, auf einen Zug wartend,
als ich mich genauso ausgebleicht fühlte wie meine Jeans,
hielt Bobby einen Diesel an, gerade bevor es zu regnen anfing,
und der brachte uns den ganzen Weg nach New Orleans (...)
Freiheit ist nur ein anderer Ausdruck für „nichts zu verlieren zu haben" ...

Fast schon romantisch muss früher die Annäherung an die Stadt per Schiff angemutet haben. Mark Twain beschreibt die Stadt bei seiner Ankunft bedeutungsschwanger „(...) gekleidet wie eine Braut – nein, mehr noch wie ein Gewächshaus. Denn wir befanden uns jetzt im absoluten Süden – keine Abweichungen, keine Kompromisse, keine Halbheiten. (...)“ Und auch er hatte natürlich den bevorstehenden Endpunkt der Schiffsreise – nachdem er die Tour hin und zurück zigmal in den Jahren gemacht hatte - vor Augen: „An diesem Punkt beginnt auch das Paradies des Lotsen: von hier bis nach New Orleans ein breiter Fluss, von einem Ufer bis zum anderen reichlich Wassertiefe und nirgends Sandbänke oder Snags, keine treibenden Stämme noch Wracks im Weg.“ (Mark Twain, s. Literaturliste, S. 267)
Heute beginnt vor Baton Rouge der Gürtel mit vor allem petrochemischer Industrie, der sich auch auf der anderen Flussseite bis nach New Orleans hin zieht.

Wir folgen der Railroad, deren Bahnhöfe und Schienen uns in den Ortschaften am Mississippi schon mehrfach begegnet sind und sehen schließlich die Beschilderung zur I-110, die das Stadtzentrum von Baton Rouge mehrspurig umfährt. Hier herrscht eine hohe Verkehrsdichte, insbesondere an LKWs, die jeglicher Geschwindigkeitsbeschränkung zum Trotz mit 130 km/h dahin brettern. Noch zwei Kurven, dann überqueren wir in einem von täglich über 100.000 Fahrzeugen (laut Louisiana Department Of Transportation & Development) den Mississippi über die Horace Wilkinson Bridge.



Atchafalaya Basin
Die schnurgerade I-10 in westlicher Richtung wird uns schließlich zu unserem heutigen Ziel bringen. Diese Interstate führt von Florida quer durch den Kontinent bis zum Pazifik. Vielleicht ist sie deshalb auch in diesem abgelegenen Gebiet so stark befahren. Die Autobahn wird über dem Atchafalaya Basin, zu einer knapp 30 Kilometer langen Brücke, der Atchafalaya Basin Bridge aus den 1970er Jahren. Jede Richtung hat eine eigene Trasse, die auf „Stelzen“ über das größte Sumpfgebiet der USA führt, noch größer als die Everglades in Florida. Unwillkürlich fragt man sich, wie man dieses technische Bauwerk mitten im Sumpf konstruieren konnte, in dem es vor Schlangen und Alligatoren nur so wimmelt.


Die bewohnten Teile des großen Gebietes sind Heimat der Cajun. Sie sind ursprünglich französischer Abstammung und in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts aus den Gebieten nahe der nordostkanadischen Grenze nach Louisiana eingewandert. Auch die Blueslegende Buddy Guy kommt aus der Gegend.
Der Blick auf das baumbestandene Atchafalaya Becken gibt uns schon einen kleinen Vorgeschmack auf unsere bevorstehende Sumpftour.


Zahlreiche Kanäle und Bayous durchziehen das Gelände. An einer Stelle überqueren wir den Atchafalaya River. Er entsteht weiter nördlich, wo der Red River über den elf Kilometer langen Old River mit dem Mississippi verbunden wurde (früher flossen beide Ströme parallel in Richtung Meer).


Aufgrund seiner Beschaffenheit und Größe drängt sich das Atchafalaya Becken geradezu für den Hochwasserschutz auf, denn in der Vergangenheit ist es entlang des Mississippi mehrmals zu verheerenden Überschwemmungen gekommen. Aufgrund seiner Größe kann es riesige Mengen von Wasser aufnehmen. Vor der Installation technischer Vorrichtungen zur Umleitung der Wassermassen konnte sich der Mississippi ungehindert auf Areale ausdehnen, in denen viele Menschen lebten. Insbesondere ging es immer um den Schutz von Baton Rouge und New Orleans und der industriellen Anlagen am Unterlauf des Flusses. Doch woher kommen diese Wassermengen?
Viele Nebenflüsse die den Mississippi speisen, darunter mit dem Ohio, dem Missouri und dem Illinois River die drei größten, transportieren bereits am Oberlauf des Mississippi jedes Jahr im Frühjahr erhebliche Mengen Schmelzwasser in den großen Strom. Nicht selten regnet es zur selben Jahreszeit am Unterlauf ergiebig. Wenn dann noch größere Niederschläge durch Starkregen oder Gewitter hinzukommen, steigt der Flusspegel innerhalb kurzer Zeit enorm an und kann dann zu Überschwemmungen führen. Geschieht dies unkontrolliert, könnte der schlammige Fluss durch den Druck seiner Wassermassen seine Richtung zum Meer unumkehrbar ändern, dadurch Gebiete, durch die er dann fließen würde, unbewohnbar machen und der Wirtschaft durch die Zerstörung von technischen Anlagen erheblichen Schaden zufügen.
Mark Twain berichtet in seinem Buch „Leben auf dem Mississippi“ von der Überschwemmung 1882:

„Aus dem New Orleans Times Democrat vom 29. März 1882“ (Anhang 1)
Die Strömung des Atchafalaya war sehr reißend, denn der Mississippi zeigt eine Vorliebe für diese Richtung, die man nur zu sehen braucht, um sich den verzweifelten Bemühungen dieses Flusses um einen kürzeren Weg zum Golf zu überzeugen (...)“
(Mark Twain, Seite 397, s. Literaturliste)

Aufgrund seiner schlammigen Uferlandschaft und dem geringen Gefälle mäandert der große Strom sehr stark und bildet kleinere und größere Schleifen. Bis ins 19. Jahrhundert kam es dort immer wieder zu Durchbrüchen, wenn der Fluss sich an manchen Stellen doch einen geraden Weg suchte.

„Und noch in anderer Hinsicht ist der Mississippi bemerkenswert: durch seine Neigung, gewaltige Sprünge zu machen, indem er schmale Landzungen durchbricht und sich auf diese Weise begradigt und verkürzt.“ (...) „Der Mississippi verändert seinen Lauf nicht nur mit Hilfe dieser Durchbrüche: Er wechselt auch tatsächlich fortwährend seine Lage – verlegt sein Bett ständig seitwärts. Fast die gesamten 1300 Meilen des alten Mississippi, den La Salle vor 200 Jahren mit seinen Kanus hinabfuhr, sind heute guter, trockener, fester Boden. Der Fluss verläuft an manchen Stellen rechts und an anderen links davon.“
(Mark Twain: S. 6f, s. Literaturliste)

Nur an den Ufern durch Deiche geschützt, musste man bis Ende der 1920er Jahre den Fluss gewähren lassen. Bekannt ist eine große Zahl von Hochwasserereignissen über die Jahrhunderte, doch einige innerhalb der letzten hundertfünfzig Jahre ragen aufgrund der Opferzahlen und Zerstörungen aus dieser Menge heraus. Schon bei unserem Besuch im Cypress Preserve in Greenville fanden wir eine Tafel, die auf die Überschwemmungen mit dem höchsten Wasserstand hinweist. Auch auf die Flut von 1927, die so verheerend war, dass sie sogar in unzähligen Liedern Eingang gefunden hat:

Memphis Minnie & Kansas Joe (1929): When the levee breaks Wenn der Damm bricht
Charlie Patton (1929): High Water Everywhere Hochwasser überall
John Lee Hooker (1960): Tupelo Blues

Diese Flut hatte gleich in mehrere Bundesstaaten entlang des Flusses immense Auswirkungen. Besonders betroffen waren Mississippi und Louisiana. Neben zahlreichen Dammbrüchen wurden in der Not Dämme eigenhändig gesprengt, um Wasser ablaufen zu lassen und New Orleans zu retten. Es dauerte Monate, bis die überschwemmten Gebiete wieder trocken waren. Es sind Dimensionen, die man sich als Außenstehende kaum vorstellen kann.
Aus der Überflutung von 1927 hat man gelernt. Mit dem Erlass von Gesetzen zum Hochwasserschutz begann die Regulierung der Wasserströme durch Kanalisation und den Bau von Hochwasservorrichtung. Genannt seien einige sehr wichtige dieser Vorrichtungen, die auch schon mehrfach im Einsatz waren:
- in der Nähe von Red River Landing, etwas nördlich des Atchafalaya Basins, die Old River Controle Structure
- etwas weiter flussabwärts der Morganza Spillway, eine Wehranlage, deren Tore bei Hochwasser nach und nach geöffnet werden können, um das Wasser kontrolliert in den Atchafalaya River und das Atchafalaya Basin zu leiten
- der Bonnet Carre Spillway, knapp 20 Kilometer westlich von New Orleans, mit dessen Hilfe die Wassermassen an New Orleans vorbei in den Golf von Mexiko abgeleitet werden können

Ohne diese Anlagen wären die Zerstörungen der nachfolgenden Fluten wesentlich beträchtlicher gewesen. Beispielsweise stand das Wasser im Frühjahr 1973 so hoch, dass sowohl der Morganza Spillway (vom 19. April bis zum 13. Juni) als auch der Bonnet Carre Spillway (vom 7. April bis 14. Juni) geöffnet waren. Wieviel Wasser muss damals in das Atchafalaya Becken gelaufen sein, in dem ja auch Menschen leben! Die Stadt Morgan City, am Atchafalaya River und südwestlich von New Orleans gelegen, wurde dabei erheblich überschwemmt.
In den Jahren 2008 und 2011 folgten in kurzen zeitlichen Abständen weitere Hochwasserereignisse, die das Öffnen der Schleusen erforderlich machten. Insbesondere beim sogenannten Jahrhunderthochwasser von 2011, mit den Pegelständden in den südlichen Mississippi-Anrainerstaaten durchaus vergleichbar mit der Flut von 1927, hatte die Schneeschmelze außerordentlich große Mengen an Wasser in den Mississippi gespült. Gleichzeitig zogen mehrere Gewitterfronten mit großen Niederschlagsmengen und Starkregenereignissen durch den südlichen Teil des Landes. Der Fluss führte so viel Wasser, dass neben dem Bonnet Carre Spillway auch der Morganza Spillway nach 1973 das erste Mal wieder geöffnet wurde.
Das Öffnen dieser Wehre hatte für die Bewohner des Atchafalaya-Beckens erhebliche Konsequenzen. Mittlerweile verfügt die Stadt Morgan City über Stauwände, die bei Bedarf geschlossen werden. In der Folge ergießt sich das Wasser dann in die ungeschützte Umgebung, indem es in einem riesigen Gebiet das Marschland, die Bayous und Flüsse mit Backwater (Rückstauwasser) füllt und zum Überlaufen bringt. Etwa 6.000 Menschen leben im Einzugsgebiet des Morganza Spillway, die Hälfte davon komplett ungeschützt vor dem Wasser, das durch das Öffnen der Wehre hier hindurchströmt. Das Wasser kann daher nur im absoluten Notfall durch die Tore abgelassen werden.

Der Ausblick auf die Zukunft sieht nicht rosig aus. Durch den Klimawandel werden Starkregenereignisse und Unwetter über Land, die riesige Wassermassen im Mississippi und seinen Zuflüssen produzieren, wahrscheinlich häufiger vorkommen. Hinzu kommen Hurrikane, die von Anfang Juni bis Ende November jedes Jahr vom Golf von Mexiko kommend zu weiteren Überflutungen führen. Nicht nur für die Menschen ist das Leben im Atchafalaya-Basin risikoreich, auch die einzigartige Flora und Fauna scheint vor diesen Hintergründen stark bedroht. Man gelangt unwillkürlich zu der Frage, was schützenswerter ist: Das einzigartige Naturreservat des Atchafalaya Basin, mit seinen wenigen Bewohnern, kleiner Landwirtschaft und Fischerei, oder die Stadt New Orleans und die petrochemische Industrie, die sich um die Stadt herum angesiedelt hat. Hoffen wir, dass beide Probleme zusammen zu einer guten Lösung führen.


Lake Martin - Geführte Bootstour durch eine Sumpflandschaft