Heute möchten wir den gut erhaltenen Stadtteil Beacon Hill aufsuchen, dem zu Füßen der Boston Common Park und der Boston Public Garden liegen.
Mit der blauen U-Bahn-Linie fahren wir von Wonderland bis Gouvernment Center, von hier sind es mit der grünen Linie nur noch zwei Haltestellen bis Boylston Street. Doch für Ortsfremde ist es verwirrend, den richtigen der unübersichtlichen Zweige dieser Linie zu erwischen, wenn man die Endhaltestellen nicht kennt. Also heißt es sich durchzufragen, bis wir im richtigen Zug sitzen. Boston Common Park Direkt gegenüber dem U-Bahn-Ausgang Boylston Street liegt die grüne Lunge Bostons, der Common Park. Vom südöstlichen Zipfel aus betreten wir die Rasen- und Wiesenfläche, die sich im Morgenlicht unter den zahlreichen Bäumen ausbreitet. Bevor er 1830 als öffentlicher Park deklariert wurde, hatte er schon eine vielfältige Nutzung erfahren: seit der Stadtgründung über lange Zeit als Kuhweide, bis 1817 als Hinrichtungsort, als Militärlager, Mülldeponie, öffentlicher Rednerplatz und als Versammlungsort für Demonstrationen. An beiden Enden des Parks wurde zu unterschiedlichen Zeiten je ein Friedhof angelegt: der Central Burying Ground und der Granary Burying Ground. Im Laufe der Zeit hat man auch Denkmäler im Park installiert, die an herausragende Ereignisse und Personen erinnern sollen. Einige Kunstwerke und Statuen lohnen einen Abstecher, wie die aus Bronze gefertigte und im Januar 2023 enthüllte Skulptur The Embrace (Die Umarmung). Sie symbolisiert die Umarmung von Dr. Martin Luther King Jr. und seiner Ehefrau Coretta Scott King nach dem Erhalt des Friedensnobelpreises. In Sichtweite und exponiert steht seit über 100 Jahren der erhöhte Parkman Bandstand, ein Veranstaltungspavillon. Sogar der ehemalige Präsident, Barack Obama, hat im Jahr 2007 von dieser Stelle aus eine Wahlkampfrede gehalten - entsprechende Videos dazu gibt es bei YouTube. Den Park habe ich mir irgendwie größer vorgestellt, doch es dauert nicht lange, bis man ihn von einem Ende zum anderen durchschritten hat. Noch lassen mich längere schattige Passagen frösteln, doch später soll es laut Vorhersage noch richtig warm werden. Die ersten Limonaden-Verkäufer schleifen bereits ihre Utensilien für ihre rotbeschirmten Stände heran. Auf einer Parkbank, am Fuße des Beacon Hill, genießen wir die ersten wärmenden Sonnenstrahlen, als eine große Reisegruppe mitsamt verkleideter Führung neben uns Aufstellung nimmt. Ein paar Informationen schnappen wir auf, dann sind sie auch schon weitergezogen. Hinweise gab es unter anderem auf das Gebäude mit der Goldkuppel hinter uns, das Massachusetts State House (1798). Der Regierungs- und Gerichtssitz befindet sich an der höchsten Stelle des Stadtteils Beacon Hill, den wir jetzt besichtigen möchten. Beacon Hill Zu Beginn der Erschließung, ab dem 19. Jahrhundert, gehörte Beacon Hill dem sehr reichen und einflussreichen Geschäftsmann und Politiker Harrison Gray Otis, der den Architekten Charles Bulfinch mit der Errichtung von Herrenhäusern in diesem Stadtteil beauftragte. Schon sehr bald danach entstanden auch die ersten Reihenhäuser, die mehr Menschen Platz zum Wohnen boten. In der schönen und gepflegten Wohngegend lebten fortan die gut betuchten Stadtbewohner. Und so scheint es auch heute noch zu sein. Politiker, wie John F. Kennedy und John Kerry, Dichter wie Robert Frost, der Architekt Charles Bulfinch, zeitgenössische Künstler, wie Carly Simon und Uma Thurman, und viele andere haben sich diesen Stadtteil als Wohnsitz ausgesucht. Beacon Hill hat sich seinen diskreten Charme von Wohlstand bis heute bewahrt. Auch die Reihenhäuser lassen nicht erahnen, ob in ihnen jemals weniger gut situierte Bewohner gelebt hätten. An der Mount Vernon Street biegen wir nach rechts ab. Dort steht oberhalb das Nichols House Museum. Erbaut im Jahr 1804, wurde es vom Arzt Dr. Arthur Nichols 1885 erworben. Mit seiner Familie bewohnte er das feine Haus, das von Generation zu Generation immer weiter vererbt wurde. Neben den sehenswerten Gebäuden sticht eines an der Ecke Hancock Street/Myrtle Street besonders heraus. Es wurde in den 1870er Jahren im ägyptischen Revival-Stil gebaut, scheint zurzeit aber unbewohnt zu sein. Wir folgen jetzt der Hancock Street bis zur breiten Cambridge Street und verlassen den Beacon-Hill-Bezirk über die Stanfort Street. Gleich ändert sich die charakteristische rote Klinkerarchitektur des 19. Jahrhunderts hin zu den gewohnt kalten und funktionalen Gebäuden der heutigen Zeit. Umgeben und durchzogen von breiten, viel befahrenen Straßen gehört das Westend mit seinen Parkhäusern, Geschäftsläden, Hotels, Restaurants und Diners nicht zu meinen Lieblingsvierteln in der Stadt. So manche Fassade deutet aber noch darauf hin, dass die Architektur auch hier vielleicht einmal eine andere war. Am großen Krankenhauskomplex des Massachusetts General Hospital angelangt, erreichen wir wieder einen größeren Wohnbezirk. Kreuz und quer geht es für uns ohne bestimmte Richtung weiter, bis wir schließlich am sechsspurigen Storrow Drive landen. Unser nächstes Ziel ist die Charles River Esplanade, ein schmaler Grünstreifen in Ufernähe, am westlichen Fuße des Beacon Hill. Es bleibt uns nichts anderes übrig, schnellen Fußes an der lauten Straße bis zur Arthur Fiedler Fußgängerbrücke entlangzueilen. Andere Möglichkeiten, die Stadtautobahn zu überqueren, gibt es in der Nähe nämlich nicht. Sobald wir die Straße hinter uns gelassen haben, wird es augenblicklich ruhiger. Jogger und Radfahrer nutzen den schmalen Weg durch den langgezogenen, grünen Park. Der 130 Kilometer lange Charles River, der im Hafenbecken bald auf den Mystic River trifft, hat sich an dieser Mündungsstelle verbreitert. Auf einer Bank sitzend verschnaufen wir ein wenig vom Großstadtlärm und schauen auf die Silhouette von Cambridge, jenseits des Flusses. Auch diese Stadt ist sicherlich eine Besichtigung wert. Für uns wäre schon ein Spaziergang über den Campus der Harvard University von Interesse. Wer an dieser privaten Elite-Uni studieren kann, dem stehen alle Türen offen. Ich vermute allerdings, dass wir einen Besuch nicht mehr schaffen, zu voll ist der Kopf von den Eindrücken der bisherigen, fast fünfwöchigen Reise. Irgendwie passt nichts mehr hinein. Einige der „Duck-Tour“-Ausflugsgefährte, die uns schon gestern auf den Straßen der Stadt aufgefallen sind, schieben sich über das Gewässer des Charles River ins Bild. Auch wenn wir auf ausgiebiges Sightseeing keine große Lust mehr haben, wäre eine Tour mit einem solchen Amphibiengefährt bestimmt ganz witzig. Wenn wir den Storrow Drive wieder in entgegengesetzte Richtung zurückgehen, gelangen wir zur Charles River Dam Road. Genau auf der Mitte des breiten Damms kann man vor dem Museum of Science Tickets für eine solche „Enten-Tour“ erwerben. Billig sind sie nicht, immerhin 42 USD pro Senior muss man dafür berappen. Die nächste Tour wird erst in mehr als drei Stunden stattfinden, und diese Zeit werden wir nicht wartend irgendwo verbringen. Schade, vielleicht klappt es an einem anderen Tag. Die Zeit hätte man im Museum of Science mit dem Besuch des Planetariums, eines Insektenzoos und Ausstellungen mit so interessanten Überschriften wie „Sich ändernde Landschaften“, „Arktisches Abenteuer“, „das Unsichtbare sichtbar machen“, „Kosmisches Licht“, „Zum Mond“ und vielen mehr überbrücken können. Fast hätten wir uns Tickets gekauft, als auch hier einige lärmende Schulklassen durch die Gänge rennen und herumschreien. Nein, das brauchen wir auch heute nicht. Stattdessen entschließen wir uns dazu, von hier aus wieder zurück zum Common Park zu gehen. Noch einmal werden wir aber nicht mehr am brüllend lauten Storrow Drive vorbei laufen, sondern biegen in eine der urigen, schmalen Gässchen am Fuße des Beacon Hill ein. Richtig szenig geht es hier zu. In den Souterrain-Läden gibt es viel selbst Hergestelltes. Kauzig, originell, interessant – so kann man das Angebot beschreiben. Wir genießen es jedoch einfach nur, dem Verkehrslärm entkommen zu sein und die Sträßchen entlang zu bummeln. Es fällt nicht schwer sich vorzustellen, wie das Leben vor hundert Jahren oder noch früher hier gewesen ist. Schließlich gelangen wir wieder in den Common Park, von wo aus unser Rundgang heute Morgen gestartet ist. Ein etwas erhöht stehendes Denkmal am Rand des Parks fällt uns ins Auge, das wir vorher nicht wahrgenommen haben. Es ist das Soldiers and Sailors Monument von 1874, das den Gefallenen des Bürgerkriegs gewidmet ist. Aber mehr noch als das Denkmal selbst ist es der Schmuck zum anstehenden landesweiten Memorial Day, der die Menschen anlockt. Mit 37.000 in den Boden gesteckten Fahnen gedenkt man hier den landesweit gefallenen Soldaten aller Kriege, wie immer am letzten Montag im Mai. Boston Public Garden Direkt neben dem Common Park liegt durch einen Weg getrennt der Boston Public Garden. Vielleicht gibt es dort Eiscreme? Am Eingang sitzt eine ältere Frau, die die Eintretenden mit sehr zarter und beruhigender, fernöstlich klingender Musik vom Band empfängt. Viele Besucher haben sich mittlerweile (am Nachmittag) hier eingefunden und strömen durch diesen Eingangsbereich in den Park. An einem Gewässer sitzt ein junges Paar vor einem großen metallenen Klanginstrument, das mit sanften Tönen die ruhige und entspannte Stimmung zum Schwingen bringt. In einem größeren Tretboot gleitet eine Gruppe von Menschen über den Teich. Ein kleiner Junge kommt heran und versucht ein achtsames Eichhörnchen zu ärgern, während ein paar Spatzen auf dem Weg nach Körnern picken. Weiter hinten ein Gänsepaar, das aufmerksam inmitten der vielen Menschen seine Jungen bewacht. So wie wir genießen die Menschen die gediegene Ruhe dieses grünen Fleckchens. Wie schön es hier doch ist! Dennoch, wir hätten jetzt gerne eine Portion Eis, und die gibt es hier nicht. Vielleicht doch eher im größeren Common Park? Auf dem Weg dorthin kommen wir wieder durch den Eingangsbereich des Public Garden, wo jetzt ein protzig-laut-Dudelsack-spielender Jüngling die ältere Frau mit den sanften Klängen entwaffnet hat. Diese guckt ob des dreisten musikalischen Überfalls auch ziemlich kariert herüber. Gleich steuern wir die mobilen Verkaufsstände an, die am Morgen schon aufgebaut worden waren. Leider gehen wir auch hier leer aus, denn es gibt tatsächlich nur Eis im Kübel in verschiedenen Geschmacksrichtungen (wofür auch immer), aber kein Speiseeis. In einem fest installierten Outdoor-Lokal im Park werden wir mit einem dahingebellten „ES IST NOCH KEINE SAISON!!!“ abgeschmettert. Jetzt wollen wir erst recht Eiscreme haben. In irgendeinem der Geschäfte der Innenstadt, jenseits des Parks, müssen wir doch fündig werden. Tatsächlich entdecken wir in einem unscheinbaren Laden eine Eistruhe mit Vanille-Nuss-Schoko-Eis am Stiel. Genussvoll schleckend schlendern wir weiter durch eine Fußgängerzone, die mich sehr an die kalten und einfallslosen europäische Innenstädte erinnert. Interessanteres, außer dem Eingangsbereich zum Citizens Opera House, gibt es für uns auch nicht mehr zu entdecken, und so machen wir uns am späten Nachmittag wieder auf den Weg zurück zum Strand und unserem Hotel. Eingang zum Citizens Opera House Wir freuen uns schon auf das gute griechische Essen im Santorini, mit dem wir den Tag abschließen wollen. Mittlerweile fühlen wir uns schon wie Stammgäste. Alles schmeckt so lecker, besonders der knackige Salat. Souvlaki und Reis sind ebenfalls sehr fein gewürzt, und der Tsatsiki cremig und himmlisch frisch. Zum Beginn des Wochenendes ist das Restaurant am frühen Abend voll besetzt. Der Geräuschpegel gestaltete sich entsprechend, doch wieder ist es nur eine Partei, die einen ohrenbetäubenden Lärm verursacht. Die Damen der Geburtstagsgesellschaft am Tisch nebenan sind noch harmlos. Als sie „Happy Birthday“ anstimmen, singen alle anderen Restaurant-Gäste spontan mit. Zwei ältere Damen, die sich zur Hauptessenszeit an einem großen Tisch schon seit längerem an einer Tasse Kaffee festhalten, bekommen noch Besuch von einer dritten Frau, die aber auch nur an ihrem Getränk nippt, dafür aber das lauteste Organ von allen hat. Später, beim Verlassen des Lokals, spricht mich die älteste des Trios auf Französisch an. Sie wirkt auch von Nahem schon sehr betagt. Ihre Augen sind schwarz geschminkt und auch kleidungsmäßig hat sie sich schick herausgeputzt. Sie wirkt auf mich wie die Bouboulina aus dem Film Alexis Sorbas. Ich frage sie, ob sie Französin sei. „Nein“, antwortet sie, „aber ich habe einen französischen Vornamen!“ Stavroúla, die Mutter des Restaurants, kommt später aus der Küche und umarmt uns, sichtlich erfreut über unseren erneuten Besuch. Als der Betrieb etwas abgeebbt ist, findet sie Zeit, sich ein wenig zu uns zu setzen. Ich fühle mich wie in Griechenland bei guten Bekannten. Draußen ist es wieder recht frisch geworden, dennoch bleiben wir noch ein wenig dort sitzen, als alle anderen Gäste das Lokal bereits verlassen haben. Es ist noch nicht einmal 22 Uhr. Auf der Uferstraße ist ebenfalls wenig Betrieb, wahrscheinlich, weil es auch allen anderen zu kalt ist. Zurück im Hotelfoyer erleben wir ein Riesengeschrei. Eine Frau brüllt in ihr Handy, hat dieses natürlich auch auf Freisprecher gestellt. Auch mehrere junge Männer brüllen ohne Anlass herum. Ich vermute, dass sie mit einem veritablen Hörschaden aus New Orleans, direkt von der Bourbon Street, hierhergekommen sind. Oder gibt es einen anderen Grund, warum man sich auch in einem engen Aufzug bei einer normalen Unterhaltung so anschreien muss, dass den Mitfahrenden die Ohren klingeln? Zum Glück ist es im Zimmer ruhig. Mit dem letzten Tag in Boston vor Augen bleibt uns nur noch eine kurze, kostbare Zeit, bevor unsere USA-Reise enden wird. |